
Tyneham, in Dorset, nicht weit von der Kueste, war immer ein kleines Dorf. Die Einwohner kuemmerten sich umeinander. Sonst kannte es keiner. Tyneham. Ein Ort in the middle of nowhere. Bis zum Winter 1943. Dann kam die britische Armee. Und das Tal wurde enteignet, mitsamt dem Dorf. Das Land wurde zur militaerischen Sperrzone erklaert, und die Amerikaner trainierten fuer D-Day. In Dorset, in Suedengland. In the bloody middle of nowhere.
Die Bewohner erklaerten sich bereit, Ihr Land aufzugeben. Weil Ihnen versprochen wurde, sie durften nach dem Krieg zurueckkehren. Dieses Versprechen wurde von der englischen Regierung in London unter Clement Attlee gebrochen. Labour, schwer zu glauben. Seitdem wird das Land als Uebungsgelaende fuer die britische Armee genutzt.
Die meisten der ehemaligen Einwohner sind gestorben. Was bleibt, ist ein Geisterort, inmitten militaerischen Absperrgebiets. Geoeffnet fuer Besucher, meist nun am Wochenende. Was bleibt ist ein Ort, der fuer einen Deutschen wie mich eine ganz eigene seltsame Atmosphaere bietet. Was bleibt ist ein Ort zum Nachdenken. Was bleibt ist ein Ort der Vorstellung, der Phantasie. Ein Ort der Geschichte.

Viele haben ueber Tyneham, ueber die Zeit nach dem Krieg geschrieben. Tyneham wurde auch missbraucht, ohne dass man die ehemaligen Einwohner befragt hat. Alle wurden entschaedigt. Mehr als grosszuegig, wie es scheint. Aber das Tal unterliegt militaerischer Verwaltung. Es gibt solche, die sagen, zumindest hat man es nicht fuer Versuche verwendet. Wie in Gruinard Island. Up in the Highlands. Verseucht mit anthrax, seit 1942. Wieder fuer die Oeffentlichkeit freigegeben. Aber wer moechte schon seine Zeit auf einer anthrax Insel verbringen.
Und es gibt solche, die sagen, die Einwohner Tynehams wurden betrogen. Und sie wurden betrogen. Und belogen. Und wer moechte heute seine Leben in Tyneham verbringen. Die Toten sind tot. Vergessen? Auf keinen Fall. Sie feiern? Ich glaube nicht. In Tyneham haben GIs trainiert. Um Europa von Hitler zu befreien. Wer Zeit hat und nach Dorset kommt, sollte nach Tyneham fahren. Um seinen Respekt zu zeigen? Vielleicht. Um sich ueber die alltaeglichen Absurditaeten des Krieges Gedanken zu machen? Ich denke schon. Um fuer einen Augenblick innezuhalten und nachzudenken? Ganz sicher.

Toller Eintrag mal wieder, Herr Konstantin.
Sagte ich eigentlich schon, dass ich ihr blog sehr schaetze? Ich glaube, ja. ;)
Posted by: Maxx | 22/08/2004 at 23:22
Don't mention the war. And it's all your fault ... you invaded Poland ;)
Posted by: minispace | 25/08/2004 at 14:12
Okay, Arno. You can have your bike back, okay?
;)-~
Posted by: Maxx | 25/08/2004 at 20:02
Spannend. In Österreich ist was nicht Unähnliches in Döllersheim passiert [http://www.doellersheim.at/], aber dort sind die Leute nicht freiwillig ausgezogen, sondern wurden von den Nazis zwangsweise abgesiedelt. Aber nach dem Krieg durften sie trotzdem nicht mehr zurück, das Gebiet ist nach wie vor ein Truppenübungsplatz, und vom Dorf sind nur mehr Ruinen übrig [http://www.turbo.at/geheimprojekte/t_allent.html].
Posted by: Horst | 26/08/2004 at 09:00
Auch in Frankreich gibt es solch ein "Geisterdorf". Es befindet sich in der Nähe des Grand Canyon du Verdon zwischen Draguignan und Castellane.
Posted by: Wolfgang | 22/09/2004 at 20:15