Am 11. November ist Remembrance Day. Jedes Jahr am 11. November um 11.00 Uhr wird die Nation zu zwei Schweigeminuten aufgefordert. Urspruenglich sollte den Toten des ersten Weltkriegs gedacht werden. Der Waffenstillstand am 11. November 1918 beendete den Krieg. Die Royal British Legion allerdings, die die Schirmherrschaft ueber den Gedenktag uebernommen hat, legt wert auf die Formulierung "The nation pauses to honour those who gave their lives for peace and freedom". Die Legion wurde 1921 gegruendet und kuemmert sich seitdem um Veteranen und Soldaten, die aktiv im Dienst stehen. Und davon gibts reichlich, genauer ueber 11 Millionen Menschen. Die Legion ist mit ueber 500.000 Mitgliedern eine der groessen charity "Vereine" Great Britains.
Als registrierte charity ist die Legion auf Spenden angewiesen, und der sogenannte poppy appeal, der seit 1922 eingefuehrt wurde, ist die Haupteinnahmequelle. Die Mohnbluete (=poppy) wurde zum Symbol fuer remembrance, und fuer zwei Wochen vor dem 11. November werden die Buerger aufgefordert zu spenden. Fuer die Spende bekommt man eine Plastikmohnbluete, die von der Legion produziert wird. £21.7 Millionen kamen letztes Jahr zusammen, und jeden Tag sieht man Menschen, die die poppy am Anzug, an der Jacke oder an der Bluse tragen. "Wearing a poppy, the symbol of remembrance, is a small yet significant gesture when we remember the price of freedom."
Ich habe damit keine Probleme, auch wenn mich die nationalistische Tendenz hinter der ganzen Geschichte etwas stoert. Eine Frage haette ich allerdings. Wieso kuemmert sich eine charity um Veteranen und Soldaten? Sollte nicht die Regierung dies als Teil ihrer Verantwortung betrachten? Schliesslich fangen Politiker militaerische Konflikte an. Nur wenn es dann um die Konsequenzen und unangenehme Nebenwirkungen geht, ist man allzu gern bereit, sich zu druecken. Hier, genau wie in Amerika.


Remembrance Day könnte eines Tages mal einen ordentlichen Britisch-Deutschen Konflikt auslösen. Denn während die Briten den ganzen Tag ernst sind - was tun die Deutschen? Richtig: Kaaahnevaal! Sollte das mal im Kabelfernsehen gezeigt werden, wären diplomatische Komplikationen wohl unumgänglich. Sun, übernehmen Sie.
Posted by: Martin | 21/11/2004 at 07:07
Eben genau diese Problem stellt sich einer Gruppe deutscher Studenten letztes Jahr in Norwich. Während wir dank Satellitenfernsehen fröhliche Livebilder vom Altermarkt sahen und entsprechend froh gelaunt waren gedachte der Rest Englands seiner toten Kriegshelden. Ich muss nicht erwähnen dass wir "blissfully unaware" waren was diesen Umstand betrifft. Jedoch fanden unsere englischen Freunde gleich gefallen an dem Treiben und feierten nach kurzem Überlegen einfach mit. Sun und Daily Star müssens ja nicht erfahren...oder so...
Posted by: Stefan | 21/11/2004 at 16:39
Dasselbe Problem, nur in verschärfter Form, habe ich mit dem "Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge" und seinen Straßensammlungen. Ich meine: Diese Leute wurden auf Veranlassung des Deutschen Reiches umgebracht, da ist doch wohl das Mindeste, was man verlangen kann, dass sich die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin um ihre Grabpflege kümmert.
Posted by: Jossi | 22/11/2004 at 18:00
Manchmal wundere ich mich schon, was für merkwürdige Gedanken Menschen haben. Es ist schon Unglück genug, daß Menschen (Zivilisten und Soldaten) in Kriegen sterben. Diesen Menschen aber die letzte Würde in Form einer zwei Minuten dauernden Pause zu verweigern oder dahinter etwa nationalistische Tendenzen zu vermuten ist mal wieder typisch deutsch. Es würde Deutschland und seinen Bürgern gut tun, sich an dieser Form der Trauerarbeit etwas abzuschauen. Aber der eigene Nabel scheint ja allemal wichtiger zu sein. "Aber gut daß wir darüber gesprochen haben !" :-/
Harry
Posted by: Harry | 14/03/2007 at 10:16
Indeed - überraschenderweise hat die Mohnblume keinen nationalistischen Unterton. Anders als die deutsche Kriegsgräberfürsorge, die sehr viel verbiesterter und rechtskonservativ daherkommt, wird die Mohnblume in UK nicht vor allem von alten Männern getragen, sondern von Liberalen, Rechten, Linken, Jungen, Alten, Frauen, Männern, Studenten, Pensionären, und black cabs ;-) - Vor allem aber von allen offiziellen Personen, dem kann sich offenbar kaum jemand entziehen.
Und ja - der britische Staat zahlt schon für Veteranen, aber shamefully little, wie die gegenwärtige Diskussion um die kriegsgeschädigten britischen Soldaten im Irak zeigt. Darum richtet sich der diesjährige Poppy-Appeal auch explizit an alle, die die Familien erschossenener (oder zerbombter, oder in die Luft gesprengter oder sonst umgekommener) Soldaten aus der Irakinvasion unterstützen wollen.
Posted by: Imke | 02/11/2007 at 11:10
Ein Nachtrag: Auch in London/UK leben wir natürlich in Zeiten der political correctness, und davon ist natürl;ich auch die rote Mohnblüte erfasst. Also: Es gibt schon eine Debatte darum, ob rote Mohnblüte nicht doch etwas zu chauvinistisch sei, dagegen wird dann die weiße Mohnblüte empfohlen, die von der Friedensbewegung gegen die rote eingeführt wurde (oder dieser sogar vorausging??). Aber - und das ist das deutlichste Zeichen dafür, dass die red poppy einen anderen Stellenwert hat als deutsche Kriegsgräberfürsorge oder nationalistische Heldenverehrung: Es ist awfully political correct eine red poppy zy tragen, so sehr, dass auf guardiancommentisfree.com gefragt wurde, ob man im November ohne rote Mohnblüte ein BBC-Studio überhaupt betreten dürfe, und Jon Snow von Channel4 sich, ewiger Vorzeigerebell, natürlich demonstrativ NICHT mit roter poppy zeigt. Das britische gemüt zum ganzen poppy-Kram läst sich im Übrigen sehr schön auf folgender blog-Seite nachlesen: http://www.britishblogs.co.uk/search/?s=red+poppy
Posted by: Imke | 02/11/2007 at 12:58