Nennen Sie die drei groessten Huerden, die einem begegnen, wenn man in ein anderes Land umzieht. Simpel: Sprache, Sprache und Sprache. Alles andere ist Kinderkrams. At the end of the day: Man begreift schnell, dass Vorwahlen beim Telefonieren anders aussehen, dass Autos auf der anderen Seite fahren, dass Adressen komische Postleitzahlen haben, dass die Tastaturen keine Umlaute kennen, wie man sein verdammtes parking ticket bezahlt usw. Praktisches macht man einmal mit, dannn war es das.
Aber betrachten wir mal folgende Beispiele:
Beim Doktor:
Ich habe einen rauen Hals und meine Brust tut beim Atmen weh. Muss ich wirklich zur Arbeit? Ist das nicht krebserregend, was Sie mir gerade verschreiben?
Zuhause:
Die Dachrinnen sind voll mit Laub und muessen gereinigt werden. Wieso hat der Nachbar den verdammten Baum nicht schon laengst gefaellt? Das Ding ist doch schon halbtot!
Beim romantischen dinner zu zweit:
Ich liebe Deine Augenlider. Sie sind unglaublich lang und sie scheinen Deine Augen zaertlich zu beschuetzen. Wenn Du Deine Augen oeffnest, habe ich das Verlangen, in ihnen ertrinken zu wollen.
Mit Haustieren:
Himmel, Salem, hoer auf Harriet zu bespringen. Wir haben Dich vor einem Jahr kastrieren lassen, Du dummer Kater.
Auf der Arbeit:
Wie fuelle ich den Urlaubsschein aus und wie lange im voraus muss ich das ankuendigen? Wieso habe ich nur zwanzig Tage Urlaub? Sind das Wochentage?
Auf der Behoerde:
Muss ich in diesem Formular wirklich die letzten drei Wohnorte auflisten? Ist das nicht gegen das Gesetz? Was geht Sie das ueberhaupt an?
In der Kneipe:
Der Mann war so dermassen besoffen, meine Fresse war das peinlich. Ich hab mich totgelacht. Wie kann man sich so vollaufen lassen?
Beim Sex:
(Das erspar ich mir jetzt)
Witzig? Vielleicht beim lesen, aber die Realitaet holt einen verdammt schnell ein. Ohne Sprache geht gar nichts. Zumal in einem Land, indem 95 Prozent der Bewohner davon ausgehen, dass man die Sprache sowieso beherrscht. Ich hab mir nach unzaehligen Reisen (und dem ueblichen Englisch Abitur Leistungskurs Quatsch) eingebildet, mein Englisch waere ganz gut. My arse (arse, nicht ass, Jesus!). Nach vier Jahren London kommen wir der Sache naeher. Das ist aber auch alles. Schon mal vermisst, in der Muttersprache zu quatschen? Keine feine Sache, das kann ich versichern. Schon mal das Gefuehl gehabt, jetzt geht gar nichts mehr? Ich weiss wirklich nicht mehr, was ich sagen soll? Was bedeutet eigentlich, "Can I suggest something?" Kann ich etwas vorschlagen? Yeah right. Es bedeutet, ICH sage, wo es lang geht, und Deine Ideen sind dummes Zeug (etwas uebertrieben formuliert). DAS ist Sprache und das bringt einem auf der Schule kein Mensch bei. Das alltaegliche Leben ist gefragt. Auf die Schnauze fallen, weil man wieder mal etwas total Peinliches von sich gegeben hat, und es niemals vergessen. So einfacht ist das.
Hab ich daraus gelernt? Ja, habe ich. Es gibt nichts aber auch gar nichts Spannenderes, als in einem anderem Land neu anzufangen. Und wenn man das Land, die Sprache, die Menschen und die Stadt, in der man wohnt, wirklich liebt, dann hilft das natuerlich. Aber leicht ist es bisweilen nicht.

Was meinst du, wie kompliziert Deutsch ist für jemanden, der hier neu anfängt ;)
Posted by: Cem Basman | 15/02/2005 at 20:07
Man hat mir nahe gelegt, die Ausprache von 'hymn' nicht mit der von 'hymen' zu verwechseln. Ich denke, die Unterschiede in der Bedeutung der beiden Wörter können nicht größer sein. ;-) Tja, der eine Buchstabe machts halt.
Posted by: Daniel | 15/02/2005 at 20:27
Cem, ich weiss. Die deutsche Grammatik ist gnadenlos kompliziert. Ich glaube fast, was das Englische angeht, ist man noch verwoehnt.
Posted by: Konstantin | 15/02/2005 at 20:57
Die Deutsche Grammatik mag kompliziert sein, dafuer ist die Deutsche Sprache aber ziemlich direkt und "auf den Punkt".
Im Englischen wird dagegen sehr viel umschrieben oder "um den heissen Brei drumherumgeredet", was ja oben schoen mit dem "may I suggest" Beispiel belegt wird. Diese Nuancen zu erkennen halte ich fuer das wirklich schwierige, da habe ich Jahre fuer gebraucht.
Dazu kommt das Englisch ja nicht immer gleich Englisch ist. Vor allem wenn man viel mit Amerikanern zu tun hat kann es da zu interessanten Problemen kommen, da der gleiche Satz bzw die gleiche Redewendung im Britischen Englisch eine genau entgegengesetzte Bedeutung zum Amerikanischen haben kann. Das ist mir so aus dem Deutschen nicht bekannt.
Von der Aussprache mal ganz zu schweigen, sehr viel wird ja nicht so ausgesprochen wie es geschrieben wird. Immerhin habe ich meinen Eltern jetzt die wichtigsten Ortsnamen beigebracht und sie verwirren mich nicht mehr indem sie mit Deutscher Aussprache nach Gloucester oder Reading fragen.
Und irgendwann bringe ich ihnen Kirkcaldy, Milngavie und aehnliches bei ;-)
Posted by: Armin | 15/02/2005 at 21:54
Eure Katzen sind nicht zweisprachig erzogen?
Posted by: Maxx | 16/02/2005 at 10:05
Just my 2cents ...
Grund zum Verzweifeln beim Deutschlernen scheint für viele die Aussprache von "ch" zu sein. Ein englischer Kollege war vor Jahren ganz glücklich von Göttingen nach München umzuziehen, nicht zuletzt, weil er beim Bäcker Semmeln statt "Brodschen" verlangen konnte. Das fauchende "ch" scheint zudem für nicht Geübte physisch anstrengend zu sein, wie mir eine Französin versicherte, die sich nach einem Tag, bei dem sie viel von (s)ich berichten mußte, die Wangenmuskulatur rieb. Man bekomme ein richtig verzerrtes Gesicht vom vielen Ich-Sagen.
England, Du hast es nicht besser. Es gab meines Wissens sogar ernstgemeinte Versuche, ein Alphabet mit mehr als 26 Buchstaben zu entwickeln, das dem gesprochenen Englisch besser entspricht !? Konstantin weiß bestimmt mehr darüber.
Im Gedächtnis ist mir das berühmte Beispiel von George Bernard Shaw geblieben: Wie schreibt man fish? Nein, nicht "fish", sondern "ghoti". "gh" aus enough, "o" aus women, "ti" aus "nation".
Noch ein schönes Zitat (die Quelle habe ich leider vergessen): "Das Englische kann man typologisch zwischen das Mongolische und das Chinesische stellen." Dies bezieht sich - wenn ich mich nicht irre, hihihi - auf den Verlust der Flexionsendungen; beispielsweise stimmen Nominativ und Akkusativ überein, weshalb die Zuordnung und Sinngebung über die Reihenfolge im Satz ausgedrückt wird: "The hunter pursues the bear" besagt das Gegenteil von "The bear pursues the hunter", während im Deutschen der Satz "Der Jäger verfolgt den Bären" in der Umstellung "Den Bären verfolgt der Jäger" nichts von seiner Eindeutigkeit verliert.
Posted by: Stephan | 16/02/2005 at 11:14
>Es gibt nichts aber auch gar nichts Spannenderes, als in einem anderem Land neu anzufangen.
I second that. sollte ich mal wieder machen.
Posted by: siebenviertel | 16/02/2005 at 18:32
Als ich vor 10 Jahren mit meinem bekloppten Schul-Englisch hier in England ankam, habe ich mich nur noch gewundert ob der komischen Sprache, die die Leute hier sprechen. Ich habe kaum ein Wort verstanden. Und ich kanns immer noch nicht richtig. Aber andererseits könnens die Engländer ja auch nicht richtig, das ist ja das Schöne daran.
Posted by: The Cartoonist | 16/02/2005 at 21:49
Der Beitrag trifft es voll. Man kennt nach laengerer Arbeit in internationalen Unternehmen jeden Scheiss Fachbegriff, aber bei den einfachen und alltaeglichen Dingen happerts. Da melden sich Mitarbeiter krank wegen "Larungitis" und du stehst da und hast keinen blassen Schimmer, was dieser Simulant nun wieder hat....
Cheers Ruben
Posted by: Ruben | 16/02/2005 at 22:09
Laryngitis? Das ist der Fachbegriff fuer "Zu viel gesoffen und beim Fussballspiel und hinterher in der Kneipe rumgegroehlt"-Syndrom. Sowas sollte man sehr ernst nehmen, das koennte sonst chronisch werden.
Posted by: Armin | 16/02/2005 at 22:43
Quote:
Dazu kommt das Englisch ja nicht immer gleich Englisch ist. Vor allem wenn man viel mit Amerikanern zu tun hat kann es da zu interessanten Problemen kommen, da der gleiche Satz bzw die gleiche Redewendung im Britischen Englisch eine genau entgegengesetzte Bedeutung zum Amerikanischen haben kann.
End quote.
Oh yeah... :-(
Posted by: bankei | 17/02/2005 at 04:48
da fällt mir ganz spontan die alte geschichte ein wie ich nach sechs monaten aufenthalt in nordirland nach london komme und mir dort in perfektem österreichisch-nordirischen akzent ein kleines guinness bestellen will (der nordire sagt dazu: a glass of guinness). nur schade, dass ich die bestellung bei einer australierin in einem nordlondoner pub aufgegeben habe, denn sie fragte mich nur: which glass? gut wenn man freunde hat, die einem dann half a guinness bestellen können.
@the Cartoonist: ich unterstütze deine aussage vollkommen, dass die engländer selbst kein englisch können. die englische grammatik ist nämlich komplizierter als sie oberflächlich betrachtet wirkt.
Posted by: claus | 17/02/2005 at 21:41
so bloody true...
Posted by: till | 17/02/2005 at 21:55
a) Sometimes, I feel like a motherless child.
b) Occasionally, I find myself in the emotional state of being deprived with paternal care.
Posted by: Jon | 17/02/2005 at 23:41
Habe dasselbe Problem in Italien:
"Ja, klar, lass uns naechste Woche ins Kino gehen!" ====> "Im Prinzip bist du mir sympathisch, sollte es sich irgendwann mal ergeben, zusammen ins Kino zu gehen, haette ich nichts dagegen, aber das wirs sicherlich nie passieren, also Tschuess!"
Posted by: Beelama | 18/02/2005 at 09:20
1. Bezügl. Unterschiede zwischen amerikanischem Englisch und britischem Englisch: die Unterschiede zwischen österreichischem Deutsch und deutschem Deutsch sind teilweise schlimmer.
2. Es ist ein ziemlicher Unterschied zwischen "Can I suggest something?" (Zitat Konstantin) und "May I suggest something?" (Zitat Armin).
3. Allein der Unterschied zwischen dem, was die Worte bedeuten (Semantik) und dem, was die Aussage bedeutet (Pragmatik) ist in jeder Sprache ziemlich groß. Und da sind die kulturellen und sozialen Kontexte noch nicht einmal mit eingerechnet.
4. Ich habe eher den Eindruck, dass die englische Sprache mehr "auf den Punkt" ist als die deutsche - zumindestens gibt es doppelt so viele Wörter, mit denen man um einiges präziser sein kann. Das macht es natürlich erheblich schwieriger, das in der Situation passende Wort zu finden. Vielleicht ist es im Deutschen einfacher, weil die Deutschen im Regelfall meinen, was sie sagen. Nur stimmt das nicht überall, weil z.B. die Österreicher nie genau das meinen, was sie sagen.
Posted by: Horst | 18/02/2005 at 10:10
Horst,
I totally agree with you!
Ich finde auch, dass man im Englischen sich viel eleganter ausdrücken kann als im Deutschen. Besonders mag ich, dass man jemand seine Meinung geigen kann und es dennoch in freundliche Worte packen kann. Aber dennoch weiß man dann, was gemeint ist.
Besonders im wissenschaftlichen Umfeld kann man sich mit Englisch viel präziser und auf dem Punkt kommend ausdrücken als man es mit Deutsch kann.
Mr. Shakespeare & Co. hat schon einen gut Job gemacht, als sie die englische Sprache "renoviert" haben ;-)
Posted by: Daniel | 18/02/2005 at 20:34
Genau! Sehr schön auf den Punkt gebracht. Erlebe ich hier auch so.
Posted by: zorra | 20/02/2005 at 11:39
Sehr schöner Beitrag. Ich war, als ich zuerst allein in Deutschland war (Auslandsjahr im Germanistikstudium) immer wieder ganz verwirrt - ich kann nicht sagen, ob es die Sprache war, oder ob es sich in der Sprache zeigte. Ich konnte z.B. schwer mich selber mit Essen versorgen, da alles anders verkauft oder geschnitten oder vorbereitet war, und es gab keine Übersetzungsmöglichkeit.
In England habe ich aber auch das Problem, dass dieses Indirekte auch im Klassensystem variiert - ich war immer relativ direkt, und musste lernen, wenn jemand sagte, "You must come and visit us," "I'd love to" statt "I will" zu antworten. In Deutschland konnte ich zumindest sagen: ich muss lernen, wie sie es meinen, während es mir in England nicht einfiel, dass die Hälfte der Bevölkerung sich anders ausdrückte als ich.
Posted by: Margaret | 21/02/2005 at 23:07
manueller trackback: http://blog.vollmondlicht.com/entry/2048
Posted by: Andreas (dekaf) | 23/02/2005 at 07:48
nice one!
Posted by: Londonblog | 14/07/2005 at 20:05
oh ja !
ich habe mir von 4 kindern sämtliche küchengeräte erklären lassen.
dafür konnten sie mit manchen wörtern die ich in der schule lernen musste nichts anfangen...der praxisbezug im schulunterricht lässt wirklich zu wünschen übrig.
und da denkt man mit dem leistungskurs würdem an halbwegs zurecht kommen.
Posted by: sandra | 09/02/2008 at 22:13