
Wenn kontinentale Bekannte, welche noch nie londoner Boden betreten haben, anfragen, wie teuer es denn so sei, in London, gebe ich gern folgenden Ratschlag: Wenn ihr im Restaurant seid, oder im Supermarkt, oder wo auch immer, und Ihr schaut auf ein Preisschild, dann vergesst das Pfundzeichen. Ersetzt es im Geist einfach durch ein Eurosymbol, und flugs habt Ihr keine Probleme. Dann gibt es meist eine kurze dramatische Pause gefolgt von einem vorsichtigen "Ernsthaft? So teuer?".
Haben diese Bekannten dann ein Wochenende in der Stadt erfolgreich hinter sich gebracht, ohne dem finanziellen Ruin in die Augen zu blicken, kommt in schoener Regelmaessigkeit die Frage, wie denn Londoner das machen wuerden. Und ob sie mehr verdienen wurden. Nein, sage ich, sie verdienen in den meisten Branchen nicht wesentlich mehr als sie auf dem Kontinent verdienen wuerden. Die Steuerabzuege sind geringer. Das hilft. Und ansonsten frage ich mich auch, wie denn die meisten Londoner das schaffen. Ich frage mich allerdings auch regelmaessig selbst, wie ich das schaffen werde, diesen Monat. Ich verdiene zwar recht ordentlich, aber ein reicher Mensch bin ich nicht.
Des Raetsels Loesung lautet fuer viele, Einschraenkungen im taeglichen Leben nicht nur hinzunehmen sondern bewusst einzuplanen. Monatliche Budgetplanung, weniger ausgehen usw. Warum sind dinner parties so beliebt in London? Weil es billiger ist, als zum restaurant zu gehen. Das laesst sich gut planen, und schon beim preisbewussten Einkauf im Supermarkt kann man viel Geld sparen. Eines aber laesst sich nicht umgehen, und das ist die monatliche Miete.
Nehmen wir folgendes Beispiel: Das beliebte flatsharing findet man schauderhaft, ein sogenanntes bedsit ist nicht viel besser, ein one bedroom flat (in anderen Worten eine Zweizimmerwohnung) ist zu teuer, es bleibt also nur das heissgeliebte studio. Die gibt es tausendfach in London. Ein studio ist ein Zimmer mit einem Duschbad. Das Duschbad ist separat. Die Kueche ist winzig und Teil des Zimmers. Die Groesse schwankt. Es gibt 10qm studios und es gibt 50qm studios.
Was kostet das? Naja, entscheidend ist die Lage, will sagen, der Stadtteil. Im Sueden ist es meistens guenstiger, genau wie weiter ausserhalb. Aber untersuchen wir doch mal folgendes typisches Beispiel in einem Nachbarstadtteil:
Fully self contained (Man kann es abschliessen, und alles ist dabei) single (kein Platz fuer ein Doppelbett, vermutliche Groesse so um die 10-15qm) studio flat (= ein Zimmer) set on the first floor of this well maintained (das ist wahrscheinlich ein Haus, dass in studio flats umgewandelt wurde, in anderen Worten, zehn Leute wohnen in dem Haus, und der landlord kuemmert sich in seinem eigenen Interesse darum, dass die Bude laeuft) terraced house (ein Reihenhaus) positioned in the heart of Kilburn. This property (property, klingt das nicht wunderbar? Es handelt sich um ein Zimmer) offers an integral fitted kitchen (Herd, Kuehlschrank, Kuecheneinheiten, das alles ungefaehr so gross wie ein Kleiderschrank), access to large communal garden (ja klar, zehn Leute in einem Garten, der zum Haus gehoert, na da verbringt man doch gern seine Zeit. Vor dem Gartenbesuch das Zimmer abschliessen. Weiss der Henker, was fuer weirdos sonst noch im Haus leben), own washing machine and en-suite shower room (einleuchtend, nur leider nimmt die Waschmaschine Platz weg, aber man braucht sie ja). Within walking distance to Kilburn tube station, buses and shops. £135 pw furnished (Bett, manchmal noch Sofa, alles dabei, eventuell ein Schrank).
Und nun kommt der Knackpunkt: £135 pw. Pw bedeutet per week. Da das Jahr aber 52 Wochen hat, muss man 135 mit 4,33 multiplizieren und kommt damit auf eine Monatsmiete von genau £584.55. Dazu addiert man die council tax, die mit etwa £90 - £100 zu Buche schlaegt, Wasser (ca. £25), Strom (ca. £30) und Heizung/Gas (ca. £25 - £30). Damit kommen wir nach Adam Riese auf £754.55 pro Monat. Plus Telefon, plus Internet, plus Fernsehgebuehren. £120 - £135 fuer ein studio in Northwest London in einer nicht allzu schlechten Gegend ist normal. Sachen unter £100 sind normalerweise Rattenloecher. In South London siehts anders aus, da kann man fuer £100 schon ganz ordentliche properties (yeah right) bekommen. Pw, nicht vergessen.
Fuer sehr viele Londoner gibt es nur eine billigere alternative: Flatsharing. Da fragt sich der interessierte Leser, warum nicht kaufen? Keine schlechte Idee, zumal Immobilien in London eigentlich eine gute Kapitalanlage sind. Ein one bedroom flat (remember, das ist eine Zweizimmerwohnung) mit sagen wir mal 35-40qm, in einem guten Stadtteil in Northwest London, nicht allzuweit von Central London, Zone zwei oder drei, erfordert laeppische £170K. Minimum. Da muss ne alte Frau lange fuer stricken.
Fazit: Wer in London wohnt, muss wirklich verrueckt genug sein, um all das auf sich zunehmen. Oder die Stadt einfach lieben. Oder schwerreich sein. Oder alles zusammen. Sonst gehts nicht.
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