London ist die wichtigste Stadt auf diesem Planeten und ueberhaupt die einzige Stadt auf der Welt und der Mittelpunkt des Universums. Zumindest glauben wir Londoner das. Das vereint uns, das macht uns stark. Wir brauchen im Grunde keine Reisepass, wir bewegen uns einfach von einem Stadtteil zum naechsten, und schon betreten wir eine gaenzlich andere Gegend, ein anderes Land. In diesem Punkt unterscheiden wir uns nicht von Amerikanern. Das wuerden wir allerdings niemals zugeben. London lebt vom Mythos, die Welt waere in einer Stadt vereinigt. Das ist natuerlich dummes Zeug. Wir hoeren zwar alle Sprachen der Welt, aber wir sind genauso zurueckgezogen und duemmlich wie jeder Nichtlondoner auch. Wir sind nicht wirklich rassistisch, aber sobald wir drei andere Menschen der gleichen Sprache, Religion oder mit der gleichen Einstellung treffen, versammeln wir uns in neighbourhoods oder suburbs und bleiben dort gemeinsam wohnen bis ans Ende aller Tage. Wir dulden dort keine Fremdlinge, oder zumindest ueberwachen wir sie argwoehnisch und misstrauisch.
London ist vor allem deswegen Mittelpunkt der Erde, weil London Zentrum des glorreichen Empires ist. Oder war. Und weil das London umgebende Land eine Insel formt. Der Rest der Menschen auf dieser Insel denkt, dass Londoner ein arrogantes Volk sind, die den ganzen Tag nur Geld scheffeln, damit automatisch reich werden, und sich der Tatsache, dass sie zu einem Land gehoeren, nur dann bedienen, wenn es wirklich notwendig ist. In Wirklichkeit sind wir ein arrogantes Volk und verdienen Geld, um es dann fuer wirklich aufregende Dinge wie Miete auszugeben. Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass um London herum Land existiert, aber wirklich wichtig ist das nicht. Londoner wuerden niemals sagen, sie seien Briten oder Englaender. Erstens sind wir es zum grossen Teil nicht, und wenn doch, benutzen wir den Ausdruck "in this country". Wir benutzen den Ausdruck vor allem, wenn mal wieder etwas schiefgeht oder zusammenbricht. Dann ist eben das Land schuld, aber sicher nicht London. Wir sagen "in this country" ziemlich haeufig, weil staendig irgendwas zusammenbricht oder falsch laeuft. Wir haben im uebrigen das Empire zwar aufgebaut (und die Laender praechtig ausgebeutet), es aber dann wieder verloren, weil wir es einfach nicht geschafft haben, den Laden unter Kontrolle zu halten.
Londoner sprechen akzentfreies Englisch. Wir sagen staendig "thank you", "please" und manchmal auch "you're welcome", obwohl wir letzteres nicht so richtig moegen. Aber wir spechen es ohne Akzent aus. Zumindest glauben wir das. Natuerlich ist die gemeinsame Sprache Englisch, und Englisch ist sowieso die wichtigste Sprache der Welt und passt damit zur wichtigsten Stadt der Welt. In Wirklichkeit allerdings sprechen wir ein grauenvolles Kauderwelsch aus siebentausend verschiedenen Akzenten.
Wir sind ungeheuer stolz auf unsere Restaurants. Und wirklich findet man in London eine unglaublich grosse Vielfalt an kulinarischen Tempeln. Londoner verraten einem allerdings nie, wieso das so ist. Im Laufe der Jahrhunderte wanderten Menschen aus vielen Laendern in die Stadt ein. Die Einwanderer konnten die grausam schlechte Qualitaet das englischen Essens nicht fassen und eroeffneten sofort Restaurants, die eigenes Essen servierten. Die Restaurantvielfalt entsprang also einer Notwendigkeit.
In London wurde und wird stets gesoffen. Frueher pflegten wir Bier (sauberer als Wasser) und Gin (billig) zu saufen. Heute saufen wir Bier und ueberhaupt alles, was Alkohol enthaelt. Wir machen das morgens, mittags und abends. Wir verstehen nichts von Wein, ausser, dass es problemlos moeglich ist, sich abends noch schnell eine Flasche Chardonnay reinzuballern, ohne dass wir richtig betrunken werden. Da sich halb London abends den Kopf zuduebelt, muss halb London morgens um drei Uhr die Blase entleeren. Damit ist London vermutlich die einzige Stadt der Welt, in der die Wasserwerke jeden Morgen um drei Uhr mit Wasserknappheit kaempfen.
Vor sechzig Jahren haben die Deutschen versucht, die Scheisse aus uns rauszubomben. Ist ihnen natuerlich nicht gelungen, den Arschloechern. Heute ist davon nicht mehr viel zu sehen, ausser wenn grottenhaessliche Betonbauten direkt neben wunderschoenen alten Gebaeuden stehen. Dann kann man im allgemeinen davon ausgehen, dass die Deutschen daran schuld sind. Das zahlen wir Ihnen natuerlich staendig heim. Unsere Tageszeitungen erledigen diesen Job fuer uns. Ueberhaupt wurde viel gebaut in London. Vor allem zu viktorianischen Zeiten. Die Haeuser und Strassen sehen alle gleich aus, aber in manchen Stadtteilen kosten sie das Doppelte, nur weil der Teil Londons besser ist. Wieso das so ist, weiss kein Mensch.
Londoner meinen, dass Mischbatterien, Doppelverglasung, funktionierende Heizungen, Schulbusse, sauberes Wasser und Recycling Hexenwerk sind. Das ist nicht weiter tragisch. Wir nehmen das alles hin, leben ohne diesen Bloedsinn, und wundern uns hoechstens, wenn in Europa das Wort recycling benutzt wird, wo es doch eigentlich Englisch ist. Aber da wir sowieso nicht wissen, was es bedeutet, ist der Verwunderung von kurzer Dauer. Und weil Englisch Weltsprache ist, wundern wir uns letztlich eben doch nicht.
Warum also in London leben? Keine Ahnung. Vielleicht weil London eben doch die grossartigste Stadt der Welt ist. Aufregend, tolerant, vielfaeltig, langweilig, bunt, anstrengend, liebevoll, gefaehrlich, herausfordernd, witzig, anstrengend, spannend. Der ganz normale taegliche Wahnsinn. Was will man mehr? Aber was weiss denn ich. Maybe it's because I'm a Londoner...

Sehr schöner Text,
ich stimme soweit ich das beurteilen kann zu und hoffe den Sprung in die grossartigste Stadt der Welt auch irgendwann in der Zukunft mal zu schaffen.
Posted by: Benny | 13/03/2006 at 01:10
Und ich kann nur sagen, dass ich London jeden Tag vermisse...solange ich dort gewohnt habe, habe ich oft geflucht, aber besser lebt es sich nirgends! I'll be back again!!
Posted by: | 13/03/2006 at 14:35
Ich persönlich finde New York, Istanbul und Paris ja auch nicht schlecht. Auch wenn es sich hier gut lebt!
Posted by: Simon | 13/03/2006 at 15:52
Ich freue mich schon! Bin ab Sonntag 2 Wochen in London. Was macht man an einem Wochenende allein in London?
Posted by: maxximal | 13/03/2006 at 19:02
Hallo,
ich interressiere mich fuer das blogsystem, kann man das irgendwo runterladen? :)
uebrigends schoene page :)
mfg
Posted by: Fynn | 13/03/2006 at 19:36
Versuchs mal mit Movable Type, Textpattern, WordPress oder noch einfacher Blogger (bitte aber alles selber googlen)...
Posted by: Simon | 13/03/2006 at 22:36
if you take so much pride in being a londoner why do you still write your blog in german ?!
is it a comunity thingy or a trotz thing like I do have my heritage and I come from a country where we have school busses and double panel windows ?!
It just feels like youre writing that blog rather for germans than for londoners...
Posted by: Thomas | 13/03/2006 at 23:12
community, buses, you're...
stick to german.
Posted by: Pedant | 13/03/2006 at 23:31
Fynn, Quelltext ansehen. Dies hier ist typepad.
Thomas, several reasons. First, my German is better, naturally. Second, I am German, so why not write in German? Third there are hundreds of English London blogs out there, why should i do the same? Finally some posts and all the pictures are in English anyway.
School busses or the lack of rather is a public transport problem and it's just ridiculous that thousands of mothers are taking their kids to school in their cars every bloody morning. Every Londoner hates that and you know it.
Besides, these are just examples. Not really important when you look at the big picture. London is not perfect. Neither is Germany. Neither am I.
Trotz? I don't think so. I'm too old for this kind of rubbish. Yes I am writing for Germans but I also write for Germans in London. Apparently there are around 60000 living here. But I'm also writing for Londoners. From a German perspective. Nothing wrong with that. And most important of all, I am writing for myself. And I don't take myself too serious, no thank you.
Posted by: Konstantin | 14/03/2006 at 08:58
Maybe it's because I'm a Londoner...
Das hat doch was und erzeugt - wie ich an dieser Stelle des öfteren schon bemerkte - meinen Neid.
2. Halte den Mix bei. Bediene Dich weiter beider Sprachen. Bedauerlich dies eingestehen zu müssen, aber DEUTSCH liest sich für mich leider (immer und immer und immer noch ) leichter.
Posted by: eislauftraum | 14/03/2006 at 12:13
Also, Thomas, warum sollte er denn das Blog auch für Londoner schreiben? Die wissen ja schließlich, wie es sich dort lebt. Man kann den Beitrag bestimmt für etwas pathetisch halten, aber niemand muss sich für die Sprache schämen – weder der Autor noch der Leser.
Posted by: IB | 14/03/2006 at 13:56
I'm an English Londoner who lived in Germany for a too-brief time. When I came home, I discovered Konstantin's site and have taken great pleasure ever since in sharing his view of London - albeit through my special German rose-tinted glasses (only 5,- EUR from Metro!)rather than through German eyes. I love the way Konstantin plays with language and takes such joy in English colloquialisms. Keep up the good work!
PS Hackney seems to be instroducing recycling boxes. Will wonders never cease?
Posted by: Anon | 14/03/2006 at 14:11
Cheers Anon, much appreciated.
In Camden (or probably parts of Camden rather) you can leave plastic bottles in your green box now. I think they introduced it a few weeks ago.
Getting there, getting there...
Posted by: Konstantin | 15/03/2006 at 08:02
Ach was, London wird sich sowieso nicht durchsetzen. Swindon ist die Stadt der Zukunft!!!!!1eins
(Muss ich hier jetzt ein Smiley hinsetzen?)
Posted by: Armin | 15/03/2006 at 11:34
Armin, yeah - if pigs can fly ... (smiley!)
Posted by: The Cartoonist | 16/03/2006 at 16:42
I remain the biggest Forest Gate fan in New Zealand. And thanks to Konstantin, I'm thinking of moving back.
Posted by: dirk | 17/03/2006 at 02:07
Hi Konstantin-
Du hast es mal wieder auf den Punkt gebracht, weshalb wir jedes Jahr nach London kommen. Öfter geht leider nicht. Hoffe, das bis bitte nächster Woche das Wetter besser wird- dann sind wir nämlich wieder da.
Posted by: Michael | 17/03/2006 at 19:11
alright
like your misch masch style and your blog, wenn ich ehrlich bin.
irgendwas hat mir einfach aufgestossen (now i know thats not proper german either)an den beitrag und ich musste mich aeussern. kam vielleicht ein bissl giftiger uebern aether als es gemeint war.
lewisham is doing recycling boxes as well (for about a year or so) and ...
ah, I heard the other day - there are about 100.000 of us in london
and summink for the community - ever craved gute deutsche kueche7 schokolade/brot ?!
www.germandeli.co.uk (just discovered it recently)
greetings
Posted by: Thomas | 18/03/2006 at 10:43
Schreib bloss weiter auf Deutsch. Ich hab's nicht gemacht, und inzwischen, 10 Jahre spaeter, faellt's mir verdammt schwer. Die Versuchung, nur noch auf English zu schreiben, ist leider gross. Und es ist einfach traurig, wenn man sich seiner Muttersprache den Ruecken kehren sieht.
Abgesehen davon: super blog!
Posted by: cartside | 18/03/2006 at 17:22
I take umbrage to the idea that English cuisine was not up to the high standards of foreigners! They simply never had the fish and chips at the Arminian gentleman's stand across from the tube stop at Glouchester road! Simply the lightest flakiest fish in the crispiest batter. If only those from Brick Lane had tried it, they'd never have brought out their curries.
Posted by: Bear | 21/03/2006 at 06:00
London ... What a hell of a town ! :)
London is Europe's trendiest hub for cultural activities.There's no better place to be!
Free your minds!
London is a vibrant metropolis and where the historic past meets the cosmopolitan present. It’s a truly multicultural city and this is reflected in the music, cuisine, shops, styles and architecture of the city, and in the tolerant attitude of the people here .
That's all I have to say :)
Posted by: Matth | 21/03/2006 at 18:33
Nach zwei Jahren in this country and neun Monate davon in London (genauer Middlesex) bin ich mir immer nicht sicher ob ich mich in zwei Jahren als Londoner bezeichnen würde...irgendwas widerstrebt sich da in mir.
London als DIE ultimative Stadt sui generis... naja fällt mir angesichts Rom, Lyon, Florenz etc. ja schwer zu sagen.
Aber sonst hat der Blog ja das gesagt, was ich schon immer rausschreien wollte. Und Deutsch muss sein, einfach aus der Verpflichtung der Stadt ihren multikulturellen Anspruch zu verleihen. Von den 60000 deutschsprachigen Londoner merke ich aber nicht viel, eher dass ich als London's second tongue vielleicht Polnisch lernen sollte.
Recycling wird hier schon praktiziert - in Chiswick, wo ich arbeite als auch in Hillingdon (wo ist denn DAS den???!) wo ich wohne. Aber leider nicht genug (ich schleppe immer noch meine Altbatterien mit mir rum), und Müllvermeidung scheint ein Extraterrestrial form of life zu sein. Die Briten wären ja mit so etwas wie Pfandsystem wohl hoffnungslos überfordert...
Posted by: LoWo | 21/03/2006 at 23:37
Also... ich halte es in London eigentlich nur aus wenn ich es schaffe, da ab und zu rauszukommen. Living and working in London can really take it out of you.
:-)
Posted by: thomas g | 22/03/2006 at 17:24
Finde deine Seite echt klasse, mach weiter so, denn ich brauch so viele Infos wie nur möglich! Mein Traum ist es nämlich irgendwann mal (in den nächsten 5 Jahren) in London zu leben. Ich fahr diese Jahr wieder auf die Insel und freu mich schon richtig auf die Stadt!
Posted by: Sandra | 25/04/2006 at 21:11
Hallo!
Wir, ein neues Berliner Politik- und Kulturmagazin, suchen einen deutschsprachigen Kolumnisten in London, der einmal monatlich eine vorerst unbezahlte (aber dafür mit Auflage von ca. 10000 veröffentlichte) Kolumne angelehnt an das Thema des jeweiligen Monats schreibt.Bei Interesse schicken wir gerne ausführlichere Informationen...Grüße, Miriam Muth
Posted by: Miriam Muth | 09/10/2006 at 10:07