Teil 13 - Makler (Estate Agents)
Londoner estate agents haben exakt den selben Ruf wie deutsche Makler. Der gemeine Buerger stuft sie gern weit unter den traffic wardens oder bailiffs ein. Das ist ein Vorurteil und stimmt so natuerlich nicht. Aber agents sind schon eine besondere Art Mensch. Zum Verstaendnis: Estate agents koennen in London, so sie denn erfolgreich sind und sich durchbeissen, Millionen machen. Literally. Die London agents verdienen an jedem deal natuerlich erheblich mehr als deutsche Makler, einfach weil die Verkaufspreise hoeher sind. Ich habe agents kennengelernt, die im zarten Alter von 25 Lenzen 50K nach Hause getragen haben. Das entspricht £2,900 netto pro Monat. Und die highflyer verdienen erheblich mehr. Aber zunaechst mal: Der vendor bezahlt den agent. Als Kaeufer braucht mich das nicht weiter zu interessieren. Was mich interessieren sollte, ist die Mentalitaet mancher agents. Da werden Verkaufspreise in die Hoehe getrieben, das glaubt man nicht. Sprueche wie, eine schnelle Entscheidung ist wichtig, wir haben hundert andere Interessenten, usw. sind bekannt. Fuer den agent zaehlt der schnelle deal. Dann bekommt er seine Prozente. Uebrigens, ich schreibe "er", die Maedels sind genauso drauf, kein Unterschied. Nur, kann man es ihnen verdenken? Wir sprechen hier ueber eine normale menschliche Reaktion. Wenn ich die Wohnung heute fuer 160K verkaufen kann, warum soll ich sie in vier Wochen fuer 150K verkaufen? Macht keinen Sinn. Also, nicht gross rumbeschweren, sondern sich darauf vorbereiten und die agents testen. Solides Fachwissen laesst jeden agent schnell kleinlaut werden. Denn, am Ende des Tages sind die meisten nicht viel anders als gute Fischmarktverkaeufer. Sie verdienen nur mehr. Nicht vergessen, der Kaeufer ist Kunde, und wenn einem etwas nicht passt, sollte man den Mund aufmachen.
Tips: Sich bei Wohnungsbesichtigungen unbedingt Zeit nehmen. Einen Fragekatalog vorher fertigstellen und alle Fragen in Ruhe abarbeiten. Sollte einem in der Wohnung noch mehr auffallen, weiter fragen. Sollten die Antworten dort nichts taugen, darauf bestehen, dass die Fragen schnellstens beantwortet werden. Nicht schuechtern sein. Wenn der agent vorgibt, nicht genuegend Zeit zu haben, ist das das nicht mein Problem. Er muss sich eben die Zeit nehmen. Nochmal, wer ist Kunde? Manchmal sprechen Wohnungen einfach fuer sich. Alles stimmt, Lage, Ausstattung, Restdauer der lease usw. Wenn einem nach der Besichtigung noch etwas einfaellt, anrufen. Fragen, fragen, fragen. Hier wird verdammt viel Geld investiert. Der agent betreut so etwas jeden Tag. Der Kunde macht das nur wenige Male im Leben. Nicht abschrecken lassen von etwaig vorhandenem Desinteresse. Agents sind natuerlich eher an 500k deals interessiert als an kleinen Wohnungen, und nicht selten bekommt der Kunde das zu spueren. Kleiner Originaldialog gefaellig: "I don't think we've got anything for you at the moment." "Well, you better find something for me then, don't you think?" Grosse erstaunte Augen. Fein, Du hast kein Interesse an meinem Geld? Geh ich zum naechsten agent. Es gibt sie wie Sand am Meer.
Noch mehr Tips: Sollte der gewuenschte Stadtteil an einen "schlechteren" Stadtteil angrenzen, in dem man ueberhaupt nicht wohnen moechte, trotzdem dort die agents abklappern. Nicht selten werden Wohnungen von agents vermarktet, die eigentlich gar nicht in deren Einzugsgebiet liegen, die Wohnungen. Aber trotzdem: Local suchen. Gute estate agents haben eine funktionierende website, senden einem email updates, text message updates und rufen einen an. Hilft nichts, da muss die mobile phone number her. Schlechte agents verweisen auf ihre website, und das war es dann auch. Deswegen unbedingt persoenlich und ohne vorher anzurufen, die agents aufsuchen. Der erste Besuch vermittelt einem einen sehr guten Eindruck von der Einstellung und der Arbeitsweise. Es ausserdem pfiffig, contact details vorzubereiten: Name, Adresse, email, mobile phone number und kurze Beschreibung dessen, was man sucht, inklusive budget, ausdrucken und fertig. Das erleichtert die erste Kontaktaufnahme. Erstens muss man nicht umstaendlich alles buchstabieren (man glaubt gar nicht, wieviele Menschen hier meinen Vornamen mit einem "e" am Ende und/oder mit "c" vorne schreiben), und zweitens hinterlaesst es einen feinen Eindruck beim agent. Der Mensch weiss, was er will, ist organisiert, das koennte ein schneller deal werden.
Wenn dann nach dem ersten Kontakt fuer eine Weile gar nichts passieren sollte, heisst es anzurufen. Estate agents verstehen zwei Worte: Pound und pressure. Und das, glaube ich, kann man als Fazit so stehen lassen.

Aber hallo, ich suche zwar in D eine Wohnung, aber deine Tipps lassen sich auch gut hier anwenden, denke ich.
Ganz große Klasse
Posted by: Joerg | 22/06/2006 at 11:09