
Warum nur verbringt der Mensch Stunden, Tage, Wochen, Monate seines Lebens damit, morgens bitteren Krams zu trinken, um wach zu werden (Kaffee) und abends (Europa), bzw. ab mittags (UK und Ireland) bitteren Krams zu trinken, um wuselig im Kopf zu werden (Bier). Voellig unsinnig, denn suess mag die menschliche Zunge, bitter gewoehnt man ihr an. Liegt es an der Menge? Ein, zwei pints sind schnell geleert. Aber wer koennte (abgesehen von obese British teenagers) etwas mehr als einen Liter Zuckerwasser zu sich nehmen? Ich jedenfalls nicht. Vor vielen Jahren hab ich meiner Zunge gut zugeredet und ihr versichert, bitter sei gut. Sie hat irgendwann den Widerstand aufgegeben, und nun glaubt sie mir. Es bleibt ihr auch nichts weiter uebrig, denn ich, genauer mein alk-verseuchtes Hirn hat nunmal Kontrolle ueber meinen Arm, der das pint hebt.
Die Biere auf den Inseln sind schon so eine Sache, und wer es nicht gewoehnt ist, uebt sich zunaechst gern in vornehmer Zurueckhaltung. Frei uebersetzt, Gottogott, ich weiss nicht was ich bestellen soll, ich zeige im pub einfach mal auf ein Schild und hoffe auf das beste. Das ist ob der Unwissenheit natuerlich verstaendlich, aber wozu gibt es blogs? Heute folgt also das kleine Einmaleins der Inselbiere.
Alle Biersorten lassen sich in lager oder ale unterteilen. Lager ist ein sogenanntes untergaeriges, eher helleres und trockeneres (und wie ich finde unspannendes, no nonsense) "sparkling" Bier. Die wahrscheinlich bekanntesten hier erhaeltlichen Marken heissen Stella Artois, Carlsberg, Fosters, Carling, Becks und Kronenbourg. Wer in D-Land das geliebte Pils trinkt, bestellt im pub einfach ein pint of lager und kommt der Sache am naechsten. Lager ist, wie unschwer an der Herkunft der Platzhengste zu erkennen ist, nicht unbedingt ein typisch britisches Bier. Lager hat sich aber vor allem in den Staedten in den letzten Jahrzehnten durchgesetzt. Lager kann man problemlos in Dosen abfuellen, und bekanntlich sind Dosen auf den Inseln ein bevorzugtes Verpackungsmittel. Pfand haben wir hier nicht, hat es nie gegeben und wird vermutlich erst Mitte des 22. Jahrhunderts gleich nach dem Euro eingefuehrt. Wenn ueberhaupt. Andere gern getrunkene in Flaschen abgefuellte lagers kommen aus aller Herren Laender wie z. B. Cobra (Indian, sehr lecker, Anm. des Verfassers), Asahi (Japanese), Kingfisher (Indian), Peroni (Italian), Sol (Mexican) oder Red Stripe (Jamaican).
Ale ist ein obergaeriges Bier und kommt in endlos vielen Varianten und Sorten daher. Ein pint of ale in einem pub zu bestellen ist daher unsinnig, und man erntet lediglich ungeduldige Blicke vom Zapfer (ohforgodssakeyoustupidtourist justmakeupyourmindwillyou). Es gibt Pale Ale, Strong Ale, Indian Pale Ale, Mild Ale, Bitter, Brown Ale, Dark Ale, Stout, Scottish Strong Ale.... argh!
Fangen wir mit dem stout an, einfach weil es auch in Europa recht bekannt ist. Dunkel, gehaltvoll, cremiger Schaum, haeufig bitter aber durchaus auch suesslich, verschiedene Varianten werden gebraut. Irish oder Bitter Stout: Guinness natuerlich. Weniger bekannt aber nicht schlechter: Murphy's und Beamish. Irish Stout ist, wie ich finde, ein praechtiges Bier. Allerdings schmeckt es in Ireland getrunken besser als im Rest der Welt (man moege mir das Gegenteil beweisen, bitte sehr).
Weiter gehts mit bitter. Bitter entstand aus den sogenannten pale ales (in etwa mit Altbier vergleichbar). Man koente auch sagen, bitter ist eine Unterart des pale ale. Mit pale ale wurden Biere bezeichnet, deren Malz mit Koks geroestet wurde. Anfang des 19. Jahrhunderts begannen die Brauereien, pale ales aus Faessern in pubs zu verkaufen und bei den Kunden waren diese Biere bald als bitter bekannt, vermutlich um sie von anderen Bieren zu unterscheiden. Natuerlich gibt es auch beim bitter viele Variationen, wie Best Bitter, Special Bitter oder Premium Bitter. Das "normale" bitter hat bis zu 4,1% Alkohol (oder etwas mehr), und die Farben schwanken zwischen dunkel bernstein- ueber kupferfarben bis golden, und haeufig ist es in der Tat sehr "hopfig" oder auch "malzig". Bitter ist sehr, sehr britisch und man wird Insulanern begegenen, die schwoeren, dass bitter das einzig wahre Bier sei. Bitter ist auf den Inseln nicht nur ein Getraenk sondern Lebensstil und das mit Abstand beliebteste Bier. Wer in London im pub ein pint of bitter bestellt, wird mit grosser Wahrscheinlichkeit z.B. John Smith's oder London Pride, Young's, Greene King IPA oder vielleicht ein Spitfire bekommen. Sicher, das sind keine schlechten bitters, aber die kleinen local countryside breweries schlagen diese Kettenbiere um Laengen. Ausprobieren, sich durch die Welt der bitters durchzutrinken, ist ein Genuss.
Fuer alle Varianten des ale sollte man zum Verkosten selbstverstaendlich in den pub gehen. Ale aus Dosen ist graeusslich. Ale in Flaschen ist natuerlich trinkbar, Abbot z.B. oder Black Sheep sind keine schlechten Allerweltsales, aber mal ganz ehrlich, wenn ich vor der Wahl Flasche oder Fass stehe, siegt nunmal das Fass. In diesem Zusammenhang sei noch die Campaign For Real Ale (CAMRA) erwaehnt, eine unabhaenigie Verbrauchergruppe mit 82000 Mitgliedern. CAMRA hat es sich zum Ziel gesetzt, den traditionellen British Pub und das sogenannte Real Ale zu erhalten. Real Ale ist dabei keine echte Variante des ale, sondern Real Ale "is a natural product brewed using traditional ingredients and left to mature in the cask (container) from which it is served in the pub through a process called secondary fermentation." Real Ale wird so angeboten, wie es sein sollte, im Fass, mit Hilfe der Handpumpe ins Glas transportiert, ohne Gas.
Also kurz zusammengefasst: Es gibt lager und ale. Bitter und stout sind Alesorten. Bitter ist die beliebteste Alesorte. Ale wird in buchstaeblich hunderten von Varianten, Geschmacksrichtungen und Farben gebraut. Pils oder Export haben wir nicht. Eigentlich ganz einfach. Noch mehr Anregungen gesucht? Here we go: 30 English ales you must have before you die.

Grob geschaetzt die Haelfte von den 30 habe ich glaube ich schon mal probiert.
Ansonsten mache ich es mir recht einfach: Wenn ich in den Pub gehe (insbesondere wenn ich am Wochenende oder im Urlaub unterwegs bin), dann bestelle ich das Ale das am wenigsten "gereist" ist. Oder in anderen Worten das lokale Ale, sofern vorhanden. Habe ich schon so einige sehr gute durch entdeckt.
Posted by: Armin | 08/01/2007 at 19:39
lager is eh super
kann man nix verkehrt machen.
in clubs gibts ja meistens eh nur lager oder ?
Posted by: robsi | 08/01/2007 at 23:55
Genial, das nenne in unterhaltsam und informativ! Wenn ich das nächste Mal "drüben" bin werde ich Ale probieren
Posted by: Joerg | 09/01/2007 at 06:32
Herzlichen Dank!
Für die Mühe, dem ahnungslosen Kontinentaleuropäer immer wieder die peculiarities nahezubringen und die gleichzeitig dafür gebrochenen Lanzen. Quite simply a brilliant piece of edutainment - again!
Hab's gleich weiterempfohlen...
Posted by: hen | 09/01/2007 at 11:53
Newcastle Brown Ale nicht zu vergessen. Eines meiner lieblings Ales... Gibt es zum Glück bei mir um die Ecke in Wiesbaden in einer Sports Bar on Tap :)
Posted by: Kai | 09/01/2007 at 12:17
Unglaublich, wie viel Männer über Bier schreiben können ;)
Posted by: Eva | 09/01/2007 at 12:24
Also ich mache ja einen grossen Bogen um Lager. In England kann man das einfach nicht trinken, die koennen das nicht.
Mit Schrecken musste ich ja feststellen, dass in meinem Local (Prince Alfred) das bitter ausgetauscht wurde. Die haben doch tatsaechlich von London Pride auf Youngs gewechselt. An dem Schick laboriere ich heute noch! Soll ich jetzt etwa mein Local aendern? Eigentlich schon. An der anderen Seite des Warrington Crescent ist ja auch ein netter Pub. Allerdings hat Gordon Ramsey das Ding gekauft und bald wird es dadrin bestimmt vor Idioten wimmeln...
Mist!
Posted by: Bernd | 09/01/2007 at 14:36
Kingfisher wird in UK in Lizenz von Shepherd Neame in Faversham (Kent) gebraut, die neben Spitfire auch Bishops Finger brauen. Bei den 30 Bieren habe ich Landlord von Timothy Taylor vermisst.
Posted by: oipolloi | 09/01/2007 at 16:51
Danke für diese Lektüre, kam genau zum richtigen Zeitpunkt :)
Ich bin vor einer Woche nach Guildford gezogen und konnte gestern abend im Pub das Wissen schon gebrauchen...
Cheers!
Posted by: Steff | 10/01/2007 at 09:33
Vom Lager Saulus zum Bitter Paulus?
Das ich das noch erleben darf...
Posted by: Maxx | 10/01/2007 at 10:03
Maxx: das kommt davon, wenn man sich regelmäßig mit dem Cartoonisten zu einem Sunday Roast trifft.
Posted by: The Cartoonist | 10/01/2007 at 10:06
re oipolloi bzgl Lizenz:
Die weitaus meisten der "auslaendischen" Lager Biere werden nicht importiert sondern in Lizenz produziert (gebraut moechte ich da nicht unbedingt sagen). Wenn man sich die Dosen bzw Flaschen genau ansieht steht da meistens drauf "brewed in the UK by xyz". Oft Scottish & Newcastle, aber auch diverse andere.
"Fosters, Australian for Beer". Yeah right. Brewed in Newcastle...
Posted by: Armin | 10/01/2007 at 13:14
Guter Einfluss, Cartoonist. Aus K wird noch ein richtiger Londoner.
Posted by: Maxx | 10/01/2007 at 16:17
Ich arbeite daran.
Posted by: Konstantin | 10/01/2007 at 16:29
das bringt mich zu einer frage: als ich in england war hab ich öfter dosen-bier gekauft, na klar, und in manchen off-licences gabs zb fosters imported, also wirklich importiert und auch fosters, brewed in the uk. und das in uk gebraute bier hat quasi immer weniger alkohol als das importierte. 4,6% warens glaub ich. das importierte hatte da auf jeden mehr. meine frage: woher kommt das ? gibts ein uk brew law das verbietet bier in uk mit mehr als 4,6% alkohol zu brauen ? oder wie schaut das aus ? danke !!
Posted by: robsi | 10/01/2007 at 17:00
Nein, ich habe noch drei Flaschen zuhause mit einem Bier von der Isle of Islay das weit ueber 10% hat (genaue Zahl habe ich im Moment nicht im Kopf).
Soweit ich mich entsinnen kann hat das historische Gruende, eventuell hing das irgendwie mit Steuern zusammen.
Posted by: Armin | 10/01/2007 at 17:31
Ich würde auch auf Steuern tippen. Beim Whiskey ist das ja ähnlich - zumindest mit dem, den man in Deutschland kauft. Aber da kennt sich der Armin mit Sicherheit wesentlich besser aus.
Posted by: Karsten | 11/01/2007 at 14:50
Nee, von Whisk_e_y hab' ich keine Ahnung. Nur Whisk__y.
;-)
Laphroaig Quarter Cask ist mal wieder die Empfehlung des Monats. Aber das nur am Rande.
Und eine kleine Korrektur zu meinen Kommentar zwei weiter oben. Den Alkoholgehalt des Bieres von Islay hatte ich falsch im Kopf, ist nicht zweistellig, aber immerhin stolze 9%.
Posted by: Armin | 11/01/2007 at 17:23
Sorry, Whisky hatte ich irgendwie falsch buchstabiert im Kopf... Beer/Bier ist auch einfacher.
Posted by: Karsten | 12/01/2007 at 16:47
Karsten, keine Sorge, den Fehler machen viele. Teilweise selbst Leute die es wissen sollten. Und ganz falsch ist die Schreibweise ja auch nicht:
Fuer die, die den Unterschied nicht kennen: Whisky ist schottisch, Whiskey ist Amerikanisch und Irish.
Posted by: Armin | 13/01/2007 at 08:16
Was ich gern noch mal wüsste: In englischem Dosenbier findet man ja dann und wann "widgets", diese Dinger, die dem Bier angeblich zu Zapfhahngüte verhelfen. Wie machen die das eigentlich? Und findet irgendwer, dass das klappt?
Posted by: Björn | 14/01/2007 at 19:17
also diese widgets in den dosen kommen ja hauptsächlich in stouts vor. das sind ja prinzipiell einfach plastikkugeln die da drin schwimmen. und der sinn besteht meiner meinung nach darin, dass man das bier durch das widget nicht so schnell in ein glas schenken kann, da die kugel den großteil der öffnung verdeckt. dadurch rinnt nur ganz wenig ins glas und es entsteht eine schöne schaumkrone. ich glaub das is der sinn davon. wenns nicht stimmt bitte korrigieren !!
tschüssi
Posted by: robsi | 14/01/2007 at 20:47
der sinn ist, dass man nur langsam betrunken wird? das ist ja völlig unbritisch. respekt...! danke für die aufklärung robsi.
Posted by: bjoern | 15/01/2007 at 00:04
Netter Bericht über Bier, dem ich mich behaltlos anschliessen kann!
Nur verstehe ich in den anhängenden Kommentaren nicht die Liebe zum "Fosters".
Das ist in Australien das schlechteste Bier! Wenn Ihr zufällig mal in Australien seid, dann probiert doch mal "VB" (Victoria Bitter). SEHR lecker!!! Leider nur zu völlig überteuerten Preisen über Versandshops in Deutschland erhältlich...
Na denn Prost!
Posted by: Wiebke | 23/01/2007 at 11:28