
Unter der Ueberschrift "Strange Laws in England" geistern seit einigen Jahren viele Texte und Artikel im Netz herum, nicht nur aber vor allem durch Nigel Cawthornes Buch "The Strange Laws of Old England". Der Autor hat anscheinend viel Zeit investiert und sich durch Gesetzestexte in England, Schottland und Wales durchgewuehlt. Das Ergebnis ist eine Ansammlung von "seltsamen" Verordnungen und Gesetzen, die teilweise noch heute in Kraft sind. Vieles davon wurde zitiert und aufgelistet, auch z.B. bei Spiegel Online, wie bereits vor einiger Zeit von Margaret Marks sehr schoen beschrieben.
Wenn man sich jedoch einige dieser Beispiele naeher betrachtet, kommen einem schnell Zweifel an der postulierten Merkwuerdigkeit. So ist es z. B. den Members of Parliament verboten, im Palace of Westminster Ruestung zu tragen (to wear armour). Das dazugehoerige Gesetz stammt aus dem Jahr 1279 und ist immer noch gueltig. Nun, im Jahre 1279 und waehrend der Jahrhunderte danach hat diese Regelung sicher Sinn gemacht, trug sie doch dazu bei, dass man der Debatte statt dem Kampf den Vorrang gab. Ich behaupte mal, dass auch Bundestagsabgeordnete keine Ruestung tragen duerfen, nur eine diesbezuegliche Verordnung gibt es im BGB sicher nicht. Ist das im geschichtlichen Kontext betrachtet wirklich so seltsam?
Gute Artikel zu dem Thema fuehren dann auch einen anderen Titel: "Obsolete laws". Denn genau darum geht es. Natuerlich wurden im Laufe der Jahrtausende in den Gegenden, die man heute als United Kingdom kennt, unglaublich viele Gesetze erlassen, die ebenso selbstverstaendlich zum Teil heute noch gelten. Diese komplizierte Regelwerk ist aber, und das vergessen die Autoren haeufig zu erwaehnen, permanent entwirrt worden. Einfach deswegen, weil viele der Regelungen keine Anwendung mehr finden koennen oder duerfen. Wenn z.B. Selbstmord bis 1961 als "capital offence" angesehen und mit dem Tod bestraft werden konnte, wird man sich der Unsinnigkeit manch alter Gesetze schnell bewusst.
Nehmen wir ein anderes Beispiel, dass tatsaechlich noch in allerlei Publikationen herumgeistert. Aufgrund einer Stadtverordnung (bylaw) sei es in der City of Chester moeglich, einen Welshman mit einer Armbrust nach Sonnenuntergang zu erschiessen. Ich bin sicher kein Rechtsexperte, aber ich nehme an, dass ein Schuss mit Todesfolge mit einem Pfeil auf einen Scotsman, Welshman oder Touristen oder was auch immer auch in Chester unter die Kategorie Mord bzw Totschlag fallen wuerde. Beides ist in England nicht erlaubt.
Nichtsdestotrotz gibt es in England immer noch Verordnungen bzw Gesetze, die demjenigen, der sie nicht kennt, seltsam erscheinen moegen. Wer in England einen sagen wir mal newspaper shop oder Reparaturbetrieb fuer Autos eroeffnen moechte, und zu diesem Zweck einen Mietvetrag fuer gewerbliche Raeumlichkeiten unterschreibt, wird in aller Regel den Mietzins an den sogenannten English quarter days vierteljaehrlich im voraus bezahlen muessen. Wird der Mietzins nicht entrichtet, kann der landlord bailiffs beauftragen, diesen einzutreiben. Bailiffs koennte man mit Gerichtsvollziehern vergleichen. Allerdings benoetigen bailiffs keinen Gerichtsbeschluss. Lediglich die Unterschrift des landlords genuegt, wenn die Forderung Berechtigung hat. Bailiffs sind befugt, ab dem folgenden Werktag nach dem Faelligkeitstag bei Sonnenaufgang (im Winter also etwas spaeter), die Forderung einzutreiben. Vorhergehend bedarf es dazu keiner Mahnung seitens des landlords, noch nicht mal einer Rechnung. Die Sonnenaufgangsregelung ist so gueltig, allerdings nirgendswo niedergeschrieben. Und das nenne ich seltsam.
Um auf das Buch und die sogenannten obsolete laws zurueckzukommen, es ist natuerlich netter Lesestoff. Ein cabbbie in London ist z.B. heute noch dazu verpflichtet, die Fahrgaeste vor Fahrtantritt zu fragen, ob sie "significant deseases" wie "smallpox" oder die "plague" haetten (London Hackney Carriage Act 1843). Es ist ausserdem verboten, Kuehe durch die Strassen Londons zu treiben (Metropolitan Streets Act 1867). Wie es scheint, darf man in London in pubs auch nicht voellig betrunken sein (Licencing Act 1872), und was kann man zu der Tatsache sagen, dass jeder unmarkierte Schwan im River Thames der Queen gehoert? Nun, es sei ihr gegoennt. Ich will sie jedenfalls nicht haben, die Schwaene.

Toll ist auch, dass es Schiffen nicht erlaubt ist, in London einzufahren ohne dem Oberconstable des London Towers ein Faß Rum zu geben.
Posted by: Uke | 18/04/2007 at 18:24
ich hab mal gelesen, dass das mit den schwänen daher kommt, dass die queen im falle einer hungersnot zumindest noch die schwäne zum essen hat.
hat mir jedenfalls meine damalige londoner landlady erzählt. oder war es der nachbar? der sohn? der exmann? egal. jedenfalls. das blieb im gedächtnis.
ein hoch auf diesen blog. übrigens.
mic.
Posted by: mic | 19/04/2007 at 10:30
Mir hat ein englischer Arbeitskollege mal erzählt, daß er in einem Dorf wohnt, in dem seit jeher viele yew trees (Eiben) wachsen. Die elastischen Hölzer samt Benutzer waren im Mittelalter strategisches Rüstungsgut, daher ist er per Gesetz heute noch verpflichtet, regelmäßig Bogenschießen zu üben.
Posted by: hop-on, hop-off | 19/04/2007 at 21:18