Vielleicht gehoere ich einfach zu denjenigen, denen man freundlich begegnet. Oder es ist so wie es ist. Der newspaper shop gegenueber meiner Tube station ist immer geoeffnet. Ich bilde mir das sicher ein. Ueberhaupt scheint sich das Leben in London nur um die nearest Tube station zu drehen, aber das ist eine andere Geschichte. Fest steht, er hat sonntags auf, der newspaper shop, wenn ich mich ab und zu aufmache, die Sadt zu erkunden. Das ist wichtig, denn eine sonntaegliche Tubereise ohne Sunday newspaper darf nicht sein. Der Inhaber gruesst mich freundlich. Manchmal verzaehlt er sich beim Wechselgeld und kichert verlegen. Manchmal steht sein Sohn daneben und verzieht dann grinsend das Gesicht. Immer, jedesmal werde ich verabschiedet. Meistens wird es der Independent.
Heute ist es ganz gleich, wann die Zuege fahren. Ich habe keine Eile. Gleich neben dem newspaper shop muss ich anhalten. Die councils sind vernuenftig geworden. Newspapers only steht ueber dem schwarzen Abfalleimer. Der Sportteil muss gleich dranglauben. Was interessieren mich die koerperlichen Leistungen der Menschen. Der Geist ist wichtiger. Bilde ich mir ein. Weg damit. Werbung. Weg damit.
Es ist frueh, und die Sonne bescheint den Bahnsteig, waermt ihn auf, scheint das Leben anzukurbeln. Die Zeitung ist so unglaublich dick und schwer, sie wartet darauf, ihren Inhalt an mich weiterzugeben. Sunday newspaper. Ich sollte wirklich alles ein wenig ordnen, die verschiedenen Themen je nach Gusto.
Wenn ich Glueck habe, kommt der naechste Zug erst in ein paar Minuten. Dann kann ich die Beilagen, die ich auf dem Rueckweg lese, in der Tasche verstauen. Das grosse Weltgeschehen verdient sofortige Aufmerksamkeit. Ich darf waehlen, es ist Sonntag.
Die Wagen sind dreigeteilt. Die Mitte ist nichts fuer mich, nicht heute. Ich mag die Enden. Nicht der erste Platz, sicher nicht. Dann habe ich nur eine Armlehne, und wie soll ich dann lesen? Drei Plaetze weiter. Die ersten zwei bleiben frei fuer das unvermeidliche Paar, das irgendwann auf dem Weg in die Innenstadt den Zug betritt.
Sonntags erlebt die Tube eine andere Menschenmischung, eine andere Stimmung. Auch die Fahrer wissen das. Alles ist freundlicher, angenehmer, ruhiger.
Ich fahre immer noch overland und das Weltgeschehen fesselt mich. Mit jeder Station nimmmt der Zug mehr Menschen auf, scheint sich vollzusaugen, um im Untergrund zu verschwinden, um zu verteilen, um dann irgendwann auf der anderen Seite der Stadt wieder aufzutauchen, wie ein Unterseeboot, nur das der Zug etwas Sinnvolles vollbringt, Menschen verteilt.
Das Licht hat sich schlagartig geaendert. Ich achte nicht darauf. Keiner achtet darauf. Auch die Fahrgeraeusche haben sich angepasst, und man spuert, wie die schwere Stahlkonstruktion die Luft in den Tunnels vor sich hertreibt. Je nach Tageszeit kann es sich jetzt schnell fuellen. Eintausend Menschen passen in die Zuege. Leicht. Ein Fahrer und eintausend Menschen, die ihm vertrauen. Sonntagsfahrer, die Menschen, die reisen. Sie kichern, wenn sie beinhae umfallen, weil der Zug anfaehrt. Und wuerde sie man wochentags ungeduldig mustern, ist es heute egal.
Irgendwann hoert man den ersten Touristen. Aber heute ist kein Tag, um zu seufzen. Jeder hat mal angefangen, auch ich. Don't push the button. Egal. Heute hoert man mit halbem Ohr auf die Ansagen, die von wochenendlichen Teilstilllegungen berichten. Irgendwann werde ich aussteigen. Wirtschaft und Finanzen. Wieder ein director, der eine Abfindung kassiert hat, obwohl er gehen musste. Ich kuemmere mich nicht darum, was um mich herum passiert. Die Zeitung ist schwer, noch letzte Nacht, noch vor ein paar Stunden haben sie daran gearbeitet, um sie fuellen.
Ab und an muss ich auf die Stationen achten, ich will nicht zu weit fahren. Jede Tube Linie hat ihren eigene Charakter. Die Sitze sind ganz eigen, und die Geraeusche differieren. Die Ansagen zu den Stationen, alles ist verschieden. Im Laufe der Jahre lernt man die Linien kennen, lernt sie einzuschaetzen, lernt mit ihnen zu leben. Die Tube treibt die Stadt an, sonntags vielleicht etwas weniger schnell, aber sie scheint niemals aufhoeren zu wollen, die Stadt mit Leben zu fuellen.
Angekommen. Wenn ich nicht weiss, was mich erwartet, wenn ich mich nicht auskenne, zeigen mir Schilder den Weg. Weltgeschehen, Wirtschaft und Finanzen, Reise, Familie, alle sind sie im Zug geblieben, vielleicht liest genau jetzt ein anderer Mensch von Abfindungen. Irgendwo sehe ich Tageslicht, hoere ich die Geraeusche der Stadt, hier muss ich entlang. Ich steige auf, gespannt, man weiss nie was passiert, wenn man aus dem underground auftaucht, wieder in die Stadt eintritt, in den Stadtteil, den man vielleicht noch nicht kennt, den ich heute sehen moechte, kennenlernen moechte.
Es ist Sonntag.
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