Wenn sich Deutsche in London trifft, geht es fix ans Eingemachte: "Wo kommst du her?" oder "was machst du?" und ganz vorn auf der Beliebtheitsskala: "Wie lange bist du schon hier?". Irgendwann bewegen sich die Gespraeche dann in Richtung "warum", denn: Das Wechseln des Landes ist keine Selbstverstaendlichkeit. Irgendwie klar.
Ich kann mir im Augenblick nicht vorstellen, jemals wieder nach Deutschland zurueckzukehren. Was bedeutet das eigentlich? Ich mag dieses Land, ich mag die Menschen, ich mag die Sprache, ich mag die Stadt. Den Umkehrschluss allerdings sollte keiner ziehen. Ich hab keinen Probleme mit meinem Ursprungsland. Und ganz sicher wandle ich nicht den lieben langen Tag mit selig bloedem Grinsen herum. Ich fuehle mich hier nur einfach wohler. Das kann sich aendern, und deswegen lege ich Wert auf die Formulierung "im Augenblick".
Die groesste Huerde, wenn man in ein anderes Land uebersiedelt, ist die Sprache. Dazu hab ich hier schon diverse Sachen geschrieben. Manchmal verfluche ich die verdammte Gratwanderung zwischen Deutsch und Englisch, wechsle wie bescheuert, und habe Probleme mit beiden Sprachen. Augenblicke, in denen man sich nichts mehr wuenscht als einen Ort, wo man aufgewachsen ist, den man nie verlassen hat, den man kennt, der so durch und durch bekannt ist, dass man dort seinen letzten Atemzug machen moechte.
Meine Familie ist viel umgezogen in Deutschland. Ich koennte nicht mit Sicherheit sagen, wo mein "Heimatort" ist. Und die Reiserei hat dazu beigetragen, dass ich keine wesentlichen Probleme damit hatte, mich hier in England auf das andere Leben einzustellen, auf die Kleinigkeiten und die grossen Dinge, die hier anders sind. Ich bin ausserdem recht genuegsam. Hm ja, so funktioniert das hier, alles klar. Es braucht manchmal viel Zeit, aber es geht immer, irgendwie.
Eines kann man nicht veraendern oder lernen. Es gibt nur eine Muttersprache. Eine neue Sprache braucht unglaublich viel Zeit. Sie mag sich im Laufe der Jahre im Hirn einnisten, um sich dort wohlig ausbreiten, aber sie wird wahrscheinlich nie wirklich die alte Sprache ueberwinden. Und so leben wir mit zwei Sprachen, zwei Kulturen, zwei verschiedenen Orten in uns, und damit muessen wir umgehen koennen. Ich traf Leute, die aufgaben und solche, die mir ungeheurem Vergnuegen ihr altes Land hinter sich liessen.
Nach europaeischem Recht darf ich in England wohnen und arbeiten. Das ist schoen und gut, aber wie steht es eigentlich mit dem moralischem Recht. Darf ich hier "eindringen" und mich ausbreiten? Sollte ich nicht eigentlich zuerst die Zustimmung der Menschen suchen, die dieses Land mit aufgebaut haben? Bin ich nicht eigentlich nur Gast? Und bin ich nicht als solcher dazu verpflichtet, die Gastgeber zu respektieren? Wann darf sich ein Einwanderer als Teil der Gemeinschaft fuehlen? Die britische Regierung sagt, nach ich glaube fuenf Jahren darf ich die Staatsbuergerschaft beantragen. Will ich das? Wuerde das irgendetwas aendern? Geht es nicht viel mehr um die eigene innere Einstellung?
Man hat mich mehrfach in der Vergangenheit als Londoner bezeichnet. Das ehrt mich, und in der Tat, ich beschreibe mich selbst als Londoner. Sogar mit ein wenig Stolz. Nicht nur weil ich in London schon seit knapp sieben Jahren wohnen und die Stadt liebe, sondern weil ich mich, sofern ich das kann, um die Stadt kuemmere. Genau wie Hunderttausende andere auch. Ich habe eine Verantwortung fuer London. Dies ist meine Stadt. Und weil ich stets wie ein kleines Kind mit offenem Kopf herumlaufe, und Fragen stellen und lerne, und dieses Wissen versuche weiterzugeben, unter anderem in diesem weblog, behaupte ich, ich darf mich Londoner nennen. Ich bin ein Teil dessen, was diese Stadt aufgebaut hat und was diese Stadt praegt und was diese Stadt so einmalig macht. Ich bin ein Einwanderer. Ich bin ein Immigrant.
Exkurs: Ihr da, die ihr denkt, dass saemtlich Immigranten hier und anderswo einzig und allein darauf aus sind, euch Arbeit wegzunehmen und euch die Frauen zu stehlen, seid daran erinnert, dass viele Immigranten dafuer gesorgt haben, dass es neue Jobs gibt. Weil sie zum grossen Teil hart arbeiten, weil sie in ihren Heimatland nicht genug zu essen haben. Und sei daran erinnert, dass viele aus Not gekommen sind und sicher nicht zum Spass. Und seit daran erinnert, dass sie in einem ewigen Zwiespalt leben, leben muessen, weil sie nicht in ihrem Land wohnen und weil ihr ihnen weiss machen wollt, sie seien eigentlich nicht willkommen, obwohl sie zum grossen Teil das Recht haben hier zu arbeiten und zu ueberleben. Also steckt euch eure Vorurteile dahin where the sun don't shine, fangt an Erwachsen zu sein und lernt von denen, die anders sind. Denn alles, was anders ist, ist zuerst mal spannend. Exkurs Ende.
Where do I go from here? Ich kann mir im Augenblick nicht vorstellen, jemals wieder nach Deutschland zurueckzukehren. Im Gegenteil, sollte ich den Kontinent fuer laengere Zeit aufsuchen muessen, wuerde ich es nicht abwarten koennen, nach England zurueckzukehren. England uebrigens. Ich lebe in einer Gemeinschaft aus mehreren Laendern und erst nach einer Weile begreift man vermutlich diesen Satz. Schottland eher nicht, Wales vielleicht, England sicher gern, immer. Aber das ist Geschmacksache.
England also. Hier bleibe ich und von hier aus werde ich weiter versuchen, meine Begeisterung fuer die Stadt und fuer das Land begreiflich zu machen. Und vielleicht den einen oder anderen dazu bewegen, die Stadt mit anderen Augen zu betrachten, sie aufzusaugen, sie zu erleben. London Leben.
Und vielleicht beantrage ich die Staatsbuergerschaft. Das waere nur fair. Nur dieser Schwur auf die Queen, der macht mir Sorgen. Der macht mir wirklich Sorgen. Nicht jedoch das Geloebnis. Ganz sicher nicht. Kann ja schon mal ueben, wer weiss: I will give my loyalty to the United Kingdom and respect its rights and freedoms. I will uphold its democratic values. I will observe its laws faithfully and fulfil my duties and obligations as a British citizen.
Bloody hell...

Thought-provoking meeting in dark november? Who was that person that provided food for thought, Konstantin?
Posted by: Paul | 12/11/2007 at 20:40
One thing's for sure Paul. It was not Nigel Hastilow. He could have been the one though. No, to be perfectly honest, this has been sitting in my 'ideas' folder for quite while. Goes to show.
Posted by: Konstantin | 12/11/2007 at 20:55
Oh my, das schüttet Salz in eine Wunde, die gerade sowieso schon brennt.
Ich lebte einige Jahre in England, die Zeitläufte spülten mich zurück auf den Kontinent, mittlerweile habe ich eine(n) fest mit der deutschen Sprache und Kultur verknüpfte(n) Beruf(ung) - dumm nur, daß ich mich nach wie vor auf der Insel an wohlsten fühle, Mentalität und Lebensstil sind mir einfach näher. Das ist ein innerer Widerspruch, der mich manchmal fast zerreißt, und den kaum jemand in meiner Umgebung so wirklich nachvollziehen kann. "Home is where the heart is" - manchmal wünschte ich, ich hätte zwei Herzen, zwei Leben...
Posted by: Karan | 13/11/2007 at 07:44
Also fuer mich bist Du schon mehr London als Charles Dickens...
Posted by: Maxx | 13/11/2007 at 08:48
Nach Deutschland zurueckgehen kommt fuer mich nicht in Frage. Nicht, dass ich nie darueber nachgedacht habe, aber ich habe einen englischen Ehemann und zwei Kinder, die hier aufwachsen. Wir haben sieben Jahre in London gelebt, dass ist fuer mich auch die laengste Zeit nachdem Abitur.
Jetzt sind wir nach Salisburyt gezogen, wegen der Kinder und der Naehe zu Nanny und Grandad. Aber ich vermisse London und die Zeit da hat mich sehr gepraegt.
Posted by: Iris | 13/11/2007 at 09:24
die englische Staatsbuergerschaft zu beantragen hat zumindest den Vorteil, dass man dann hier bei jeder Wahl waehlen kann. Gibt es sonst noch einen Unterschied? Eigentlich nicht. Ist nur ein doofes Dokument. Aber irgendwie ist es doch eine grosse Entscheidung. Ich mag London, die Englaender, wohne gerne hier, aber zu Hause bin ich noch immer in Deutschland. Berlin gefaellt mir irgendwie noch besser und in zwei oder drei Jahren bin ich bestimmt wieder zurueck. in 3 Jahren koennte ich natuerlich auch die englische Staatsbuergerschaft annehmen. Aber irgendwie bin ich zu gerne Deutscher. Wir sind naemlich cooler als die anderen. Auch, wenn die Englaender mit grossem Abstand bessere Musik machen.
Posted by: Bernd | 13/11/2007 at 11:51
Wo kann man denn die Englische Staatsbuergerschaft beantragen? Wusste gar nicht dass das geht?
;-)
Posted by: Armin | 13/11/2007 at 13:03
Danke, Konstantin. Mir geht es nach (ungeplanten) 10 Jahren genau wie Dir.
Posted by: Anna | 13/11/2007 at 14:50
Funny - I could have written this on January 24, 2006. A day later though, all was changed ;)
(But I would never give up my Dutch passport though.)
Posted by: minispace | 13/11/2007 at 19:18
@Bernd: ähem, das mit der Musik seh' ich allerdings ein klein bissl anders... ;-)
Posted by: Karan | 13/11/2007 at 19:43
Vor 13 Jahren bin ich nach Berlin gezogen und fühlte mich im eigenen Land fremd. Eine riesige Stadt, fremde Menschen mit fremden Eigenarten, irgendwie fühlte ich wie Du: eingebrochen in eine geschlossene Gesellschaft. Aber nicht viel später fiel mir schnell auf, daß es ja - ähnlich wie in London - DEN Berliner kaum gibt, eigentlich sind 90% zugezogen. Mal aus einer Nachbargemeinde, mal aus Dresden, Stuttgart, London, Paris, New York, Johannisburg.
Und genau das macht Berlin aus: das Sammelsurium verschiedener deutscher, europäischer und fernerer Kulturen, die erst das große Ganze ergeben. Und genau dies finde ich in London noch viel reizvoller: die Exotik ist um den Faktor 10 größer, die Vielfalt nochmal viel reichhaltiger. Warum sollte ich da als Deutscher mich nicht auch ansiedeln? Wie viele Engländer sind als Ehemalige der Allierten-Streitkräfte in Deutschland geblieben?
Ich habe den Umzug noch vor mir und wohin es mich verschlagen wird, weiß ich noch nicht. Vielleicht wird's Spanien oder Portugal, vielleicht komme ich zu Euch nach London. Das wird das nächste Jahr zeigen. Ich habe mich befreit und bin ungebunden, auf der Suche nach einem neuen Leben in einem neuen Land.
Deutschland ist schön, Deutschland ist groß, aber sehr viele Menschen hier, einen Großteil der Gesellschaft und vieles in der weiten Poliktik mag ich nicht mehr.
Posted by: Björn | 14/11/2007 at 08:42
Kann man, wenn man die britische Staatsbürgersschaft annimmt, auch CBE werden?
Posted by: Henriette | 14/11/2007 at 17:56
I am the Conservative Party's Prospective Parliamentary Candidate for Halesowen and Rowley Regis. And I like radiohead.
Posted by: Paul | 14/11/2007 at 18:49
very well spoken Konstantin!
Posted by: ralf | 15/11/2007 at 00:09
Das ist ein sehr guter Text den du da verfasst hast.Nur den mittleren Teil halte Ich für höchst unglaubwürdig.Ich weiss nicht in was für einer Art "middle-class-bubble" Du lebst,aber dir sollte schon klar sein,dass eine Menge von den sogenannten Immigrants,die Einheimischen kaum respektieren.Nicht jeder hat so viel Respekt vor seinem Gastland wie Du.Das kannst du auf politisch korrekte art so lange leugnen wie du willst,das ist Fakt und zwar in jedem Land in Westeuropa.Ich weiss wovon ich spreche denn ich bin selbst ein Ausländer in Deutschland.Ich hatte in meiner Jugend nur ausländische Freunde und diese haben ganz und gar nicht die Einheimischen respektiert.Wenn man von Integration spricht sollte man sich erstmal die Frage stellen ob eine bestimmte Volksgruppe überhaupt erst den Versuch gemacht hat sich in ihr Gastland zu integrieren und danach kann man erst mit Rassismusanschuldigungen an die Mehrheitsgesellschaft anfangen.Westeuropa verlangt von sich selbst super tolerant zu sein aber komischerweise verlangt Ihr überhaupt nicht,dass Euch jemand toleriert und respektiert.Aber das weisst Du selbst.Lauf doch mal nachts durch Berlin-Kreuzberg oder in Deinem Fall Brixton etc,dann kannst ja mal sehen wie sehr du als whitey respektiert wirst.Das sag ich dir als Ausländer in Deutschland.
Posted by: Ante | 15/11/2007 at 09:46
Ante, ich glaube wir argumentieren aneinander vorbei. Ich werfe (zumindest in diesem Text) keinem Menschen Rassismus vor. Vorurteile gegenueber Immigranten zu haben bedeutet selbstverstaendlich nicht automatisch Rassismus zu leben.
Ich behaupte auch sicher nicht, es gaebe keine Einwanderer, die sich nicht anpassen wollen. Nichts ist so schoen und fein wie die Theorie. "Multikulti" bedeutet vielfach eben das. Ein schoener theoretischer Traum. Die Wirklichkeit ist anders.
Und ich brauche auch nicht durch Brixton zu laufen, ich lebe in Brent, thank you, und gehoere damit als whitey einer Minderheit an (sofern das irgendeine Bedeutung hat). Brixton in diesem Zusammenhang zu erwaehnen ist vielleicht auch ein wenig cliche, aber egal.
Posted by: Konstantin | 15/11/2007 at 10:04
http://www.ft.com/cms/s/0/7ec25f9c-7e70-11dc-8fac-0000779fd2ac.html
http://www.ft.com/cms/s/0/61780532-88a1-11dc-84c9-0000779fd2ac.html
Zwei sehr lesenswerte Artikel, die sich mit den wirtschaftlichen und moralischen Aspekten der Einwanderung befassen.
Posted by: frankie | 15/11/2007 at 18:05
Ich wohne seit 15 Jahre in Deutschland, Hab ein Super Job und viele freunde, trotz wird das Heimweh immer große. Will nach hause… Mutti hat meine Frau gesagt …You can take the boy out of Wales, but you will never take Wales out of the Boy..
Posted by: Anthony | 22/11/2007 at 07:11
Ich finde den Artikel wirklich gut und ich freue mich schon wirklich aus Österreich auszuwandern (nach dem Präsenzdienst) und nach London zu gehen. Trotzdem habe ich Ängste, in wie fern man akzeptiert wird und wie man sich eine gewisse Lebensbasis aufbauen kann, wenn man auf sich allein gestellt ist.
PS: In England werden die TV-Reporter wenigstens nicht mehr diesen grässlichen deutschen Akzent beim Englisch reden haben und auch nicht alles falsch übersetzen :)
Posted by: Andreas | 26/05/2008 at 13:04