Seit einigen Wochen nimmt die Flut an unverlangt an mich versandten farbenfrohen Briefen zu. Allein in den letzten zehn Tagen haette ich drei neue Kreditkarten beantragen koennen. "Pre approved", das heisst, die Briefe sind an mich gerichtet, die noetigen Nachforschungen wurden betrieben, die Formulare ausfuellen, nicht allzu bloed dabei anstellen, fertig. Einmal Platin, einmal Gold (Gott, wie oede), und einmal die Variante "normal" (aeh, hallo?), drei verschiedene Banken.
Mit ein bischen Warten, hier und da etwas Geld ausgeben und immer puenktlich abzahlen haette ich innerhalb von ein paar Monaten einen kombinierten neuen Kreditrahmen von grob geschaetzt £10000, eher mehr. Einfach so, sehr nuetzlich das. Wenn nur die Zinsen nicht waeren. Locker dreissig Prozent APR. Wie bitte? Auf einmal erscheinen die Angebote gar nicht mehr so nuetzlich. Seltsam. "Enjoy the freedom." Enjoy the freedom, my arse.
In Britain wird die Plastikkarte verehrt. Gottgleich. Das Sandwich bei M&S fuer £2.50? Plastik, am Ende des Monats zahle ich dann. Der neue flat screen 42 inch plasma screen? Nehm ich, Plastik, zahle ich ab, irgendwann. Kredit jederzeit und ueberall. Die Geldmenge, die Briten als Schulden bei Kreditkartengesellschaften haben, uebersteigt alle Vorstellungen. Dabei stehen die Zeichen der Zeit eher schlecht, um sich Geld zu exorbitant hohen Zinssaetzen zu leihen. Sehr schlecht. 71 Millionen Kreditkarten wurden laut Uswitch 2007 ausgestellt. Im dritten Quartal 2007 erfolgten 1,7 Milliarden Transaktionen mit Kreditkarten im Gesamtwert von 86,6 Milliarden Pfund Sterling. Enjoy the freedom.
Und dann haetten wir da noch das, was viele Experten als Immobilienblase in Britain bezeichnen. Klassischer Fall: Ich habe vor fuenfzehn Monaten eine Wohnung gekauft und diese teilweise mit Hilfe einer mortgage finanziert. Teil des deals war es, die Raten fuer zwei Jahre niedrig einzufrieren und nach Ablauf des Zeitraums diese variabel weiterlaufenzulassen. Das heisst, in ein paar Monaten wird sich die Hoehe der monatlichen Rueckzahlung veraendern. Dramatisch veraendern, in meinem Fall. Wuerde ich nichts tun, muesste ich pro Monat 30% mehr bezahlen. Dreissig Prozent Steigerung. Das alles haengt davon ab, wie die Bank of England auf die aktuelle Situation reagiert, vor allem, wenn man sich die "Vorgabe" der Fed ansieht.
Die Immobilienpreise in London sind in den letzten Monaten gefallen (unheard of, unheard of), so auch der Wert meiner Wohnung. Sie ist immer noch mehr wert als vor fuenfzehn Monaten, aber kein Mensch kann sagen, was noch in diesem Jahr passiert. Davon unabhaengig muss ich neu finanzieren. Der alte deal wird zu teuer sein, egal was die base rate so macht. Was also tun? Die mortgage brokers muessen wieder herhalten. Und jetzt kommt der entscheidene Faktor: Ich kann die Wohnung neu finanzieren. Erstens war die Hoehe der Anzahlung seinerzeit recht schmuck, zweitens ist meine finanzielle Situation stabil und drittens habe ich Geld gespart, was ich noch zusaetzlich in die Neufinanzierung pumpen werden. Ich war vorsichtig und nicht ganz daemlich. Ich bin nicht ueberschuldet. Sollte es wirklich heftig werden, kann ich sogar mit einer dreissigprozentigen Erhoehung meiner Belastungen leben. Remortgage gibt es zwar nicht fuer lau, es fallen Gebuehren sowohl des alten als auch des neuen lenders an, dazu Kosten fuer den solicitor, aber trotzdem: So wie es im Augenblick aussieht, wird es sich fuer mich lohnen.
Mit anderen Worten, ich bin wieder in einer gluecklichen Position. Vielen wird es anders ergehen. Die Welle der Zwangsversteigerungen in Britain nimmt keine Ende, und im Laufe des Jahres werden noch eine ganze Menge mortgages platzen. Man muss kein Wirtschaftsexperte sein, um sich auszumalen, was das bedeutet.
Ich besitze keine Aktien. Ich besitze einen Teil einer Investition, einen Teil einer Wohnung. Und ich beabsichtige, den verbleibenden der Bank gehoerenden Teil so billg wie moeglich und so schnell wie moeglich zu kaufen. Verdammt viele Menschen werden dieses Jahr in Britain auf der Strasse landen und es bereuen, jemals einen mortgage Vereinbarung unterzeichnet zu haben.
Vor fuenfzehn Monaten sass ich einem mortgage broker gegenueber, der mir versicherte, er koenne mir theoretisch eine halbe Million Pfund vermitteln. "But obviously you don't want that." "No, I definitely don't want that, thank you." Diese Zeiten haben sich geaendert. Und wenn sich in ein paar Jahren der ganze Krams wieder beruhigt hat, kann ich auch wieder ueber Wertsteigerung nachdenken. Aber jetzt heisst es erstmal, dieses Jahr moeglichst kostenguenstig hinter mich zu bringen. Das ist, so seltsam das auch klingen mag, dieser Tage eine beneidenswerte Lage, in der ich mich befinde.
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