
"Na das ist wohl Victorian", sagt der Laie zufrieden auf die Frage nach dem architektonischen Stil und liegt sehr oft richtig. Wenn das Queen Victoria (1819 - 1901) geahnt haette, gab sie doch der Periode ihren Namen. Aber wenn man sich ansieht, wie lange die Dame lebte, wird schnell klar, dass der Begriff "Victorian era" die Dinger ein klein wenig vereinfacht, in eine Schublade zwaengt sozusagen. Natuerlich steckt die industrielle Revolution dahinter, das Empire, die zunehmende Mobilitaet der Menschen durch den Aufbau der Eisenbahnen. Aber Victorian architecture? Die genaue Definition ueberlasse ich den Experten. Tatsache ist, im vorletzten Jahrhundert wurde in London wie verrueckt gebaut. Unzaehlige Menschen zogen in die Stadt und alle wollten wohnen. Die Orte rund um London wurden dankbar vereinnahmt, London wuchs.
Wer zum ersten Mal nach London kommt, dem fallen die Strassenzuege schon aus der Luft beim Anflug auf. Hunderte, Tausende von Strassen, ein Haus am naechsten, Victorian bzw Edwardian terraces, wobei terrace Haeuserreihe bedeutet. Das Stadtbild ist gepraegt von diesen zumeist im vorletzten Jahrhundert oder um die Jahrhundertwende gebauten Reihenhaeusern, und Londoner lieben ihre "period" houses aus Ziegelstein. Robust gebaut trotzen sie mit ihren sash windows (Schiebefenster) seit hundert Jahren dem insulanem Wetter, und sie werden sicher noch weitere hundert Jahre stehen.
Viele dieser Strassenzuege sind geschuetzt, abreissen verboten, warum auch, denn auch innen baute man damals mit dem Ziel der optimalen Raumausnutzung. "Halbe" Stockwerke praegen viele der terraces, das Wohnzimmer ist gross und hoch, Kueche und der Rest der Zimmer haben normale Hoehe. Viele Besucher sind erstaunt, wieviel Wohnraum sich hinter den Fassaden verbirgt. Heute baut man die Dachboeden aus, Keller gibt es so gut wie keine, oder man setzt einen Wintergarten an die Hinterseite, alles natuerlich nur mit entsprechender Genehmigung der Behoerden.
Ich habe viele Jahre in einem terrace gewohnt und habe es geliebt. Natuerlich kann man sich praechtig ueber die seltsamen Fenster amuesieren, aber sie gehoeren nunmal dazu, genau wie die aussen verlegten Abflussrohre. Terraces vermitteln einem ein wunderbares Gefueh der Sicherheit, der Behaglichkeit, und hat man in den 50ern noch die alten alten fireplaces rausgerissen, weil sie als monstroes empfunden wurden, so versuecht man sie heute wieder zu aktivieren. Die Menschen haben gelernt, die altem Haeuser zu schaetzen und versuchen sie zu erhalten. Allerdings heisst das nicht, dass nichts veraendert wird. Unzaehlige Baufirmen haben sich darauf spezialsiert, in diese Haeuser separate Wohnungen zu integrieren, aber auch das kann man dann von aussen kaum erkennen.

*klugscheißermodusan*
"...zumeist im letzten Jahrhundert oder um die Jahrhundertwende gebauten Reihenhaeusern..."
Nun, ich denke du meinst "...zumeist im 19. Jahrhundert oder um die 19./20. Jahrhundertwende gebauten Reihenhäusern..."
Oder sind die wirklich erst um die 10 Jahre alt?? :o)
Posted by: Stefan . | 09/04/2008 at 19:50
hihi, ich muss mich endlich mal daran gewoehnen, dass die Jahre mit einer "2" anfangen. Na dann aendere ich das mal.
Danke : )
Posted by: Konstantin | 09/04/2008 at 20:37
Das ist echt unglaublich typisch, oder? Wir waren erst am Wochenende in London, und als wir in die Stadt hineingefahren sind, war das wirklich frappierend: Huch, wir sind in England! Und hübsch ist's auch.
Posted by: Cookie | 10/04/2008 at 06:55
"Robust gebaut trotzen sie mit ihren sash windows (Schiebefenster) seit hundert Jahren dem insulanem Wetter..."
Das kann ich leider nicht bestätigen. Zumindest seit es im Januar kälter geworden ist, zieht es in unserem Flat wie Hechtsuppe. Die noch existierenden fireplaces dürfen wir leider aus Emissionsschutzgründen nicht benutzen (das bleibt den 4x4s und sonstigen luftverpestenden Fortbewegungsmitteln vorbehalten). Und so verheizen wir fröhlich Unmengen teures Gas durch die jahrhundertealten Fenster.
Posted by: Daniel | 11/04/2008 at 10:08