Über kaum eine Institution wird in Grossbritannien so leidenschaftlich debatiert wie über das staatliche Gesundheitssystem: der National Health Service (NHS). Die Medien berichten gern und regelmässig, positiv wie negativ, kein Wunder, gibt es doch nur wenige Einwohner des Königreiches, die keine Erfahrungen mit dem NHS gemacht haben.
Dirk Pilat arbeitet als General Practitioner (GP) in East London und hat sich freundlicherweise bereit erklärt, mir zu diesem Thema einige Fragen zu beantworten.
LL: Was genau ist deine Tätigkeit beim NHS –, und wie lange arbeitest du schon im britischen Gesundheitswesen?
Dirk Pilat: Ich arbeite seit 1997 in Grossbritannien (habe aber zwischendurch für fünf Jahre in Neuseeland gearbeitet) und bin seit 2001 GP.
LL: Bist du für deine ärztliche Ausbildung nach Grossbritannien gekommen?
Dirk Pilat: Weihnachten 1996 hatte ich endlich mein drittes Staatsexamen in der Tasche, einen AiP Job organisiert und mein praktisches Jahr hinter mir. Was ich in diesem Jahr so gesehen und erlebt hatte, machte mir nicht besonders Appetit auf eine Karriere in der deutschen Medizin, und ich war nicht gerade begeistert, dass ich schon bald mein AiP anzutreten hatte. Ich hatte mich vor Monaten schon bei einer britischen Ärztevermittlung registrieren lassen, die sich auch prompt nach Weihnachten bei mir meldete und fragte, ob ich nicht Lust hätte in England zu arbeiten. Einen Tag später rief ein Chefarzt eines Krankenhauses in den East Midlands bei mir an und fragte mich, ob ich nicht mal morgen Lust hätte, bei Ihnen vorbeizukommen und sich den Laden mal anzusehen, was ich dann auch tat. Der Unterschied zwischen dem hierarchischen "Jawohl, Herr Oberarzt"-Gefasel an einer deutschen Klinik und dem fröhlichen Geklöne zwischen Chef, Assistenten und Oberärzten hätte nicht größer sein können, und so saß ich denn eine Woche lang bei meinem Bruder auf der Couch und diskutierte hin und her, was denn wohl besser für meine Zukunft wäre: ein Karrierestart an einer angesehenen Universität in Deutschland – oder in einem Kreiskrankenhaus in der postindustriellen Wüste der East Midlands. Am Ende siegte das Herz über das Hirn und zwei Monate später war ich ein glücklicher "Junior House Officer" in Dudley. Was ich da erlebte, machte mir so viel Spass, dass ich nie wieder den Drang hatte "nach Hause" zu gehen, und bevor ich mich versah, hatte ich mich auch schon zur Facharztausbildung in Schottland angemeldet.
LL: Was bedeutet General Practitioner?
Dirk Pilat: Der General Practitioner (oder "Family Physician" in den USA) ist der klassische "Von der Wiege bis ins Grab" - Hausarzt, der die ganze Familie versorgt. Ob es chronische oder akute Erkrankungen, Vorsorge, Nachsorge, soziale Probleme oder einfach nur Rat und Tat ist: GPs versuchen für alle Aspekte der Gesundheit ihrer Patienten da zu sein.
LL: Kann man das mit dem deutschen Allgemeinarzt vergleichen?
Dirk Pilat: Nicht wirklich. Die deutsche Allgemeinmedizin wird von den anderen Spezialgebieten in eine immer kleinere Nische gedrängt. Da Patienten immer früher mit ihren Problemen zu den anderen Facharztrichtungen überwiesen werden wollen, bleibt den Allgemeinmedizinern nicht viel übrig, was sie behandeln können. Ein allgemeinmedizinischer Kollege sagte mir mal, er wuerde "Schnupfen-Medizin" betreiben, da die Patienten für alles andere zum Internisten gehen würden. Der britische GP hat da mehr Möglichkeiten. Unsere Praxis z.B. generiert im Durchschnitt weniger als sieben Überweisungen pro 100 Konsultationen.
LL: Beschreibe bitte kurz das Grundprinzip des NHS.
Dirk Pilat: Aneurin Bevan, der Gründer des NHS, legte fest, dass der Gesundheitsservice die Bedürfnisse aller erfüllt, dass die Behandung kostenlos ist und dass die Behandlung auf klinischer Notwendigkeit basiert - und nicht auf der Zahlungsfähigkeit des Patienten.
LL: Wann hat man im UK ein Anrecht auf gesundheitliche Versorgung und wie weit geht diese?
Dirk Pilat: Jeder, der rechtmässig in Grossbritannien lebt, hat Anrecht auf NHS-Versorgung.
LL: Welche individuellen Kosten entstehen für den Patienten im Krankeitsfall?
Dirk Pilat: Keine. Bei der Apotheke zahlt man allerdings eine Verschreibungsgebühr wenn man sein Rezept abholt, und bei den Kollegen der Zahnmedizin gibt es kostenpflichtige Ausnahmen.
LL: Wer trägt die Kosten für den NHS und wer entscheidet über das Budget?
Dirk Pilat: Der individuelle Steuerzahler und die Arbeitgeber tragen die Kosten über "National Insurance" Zahlungen. Diese werden nach Einkommenshöhe bestimmt. Das Budget betraegt derzeit in England 92
Milliarden Pfund und wird vom Chancellor – dem britischen Finanzminister – abgesegnet.
LL: Der NHS ist einer der grössten Arbeitgeber der Welt. Kritiker werfen dem NHS unter anderem vor, dass die Verwaltung zu gross und zu träge sei. Es gibt auch Berichte von langen Wartezeiten für Operationen
oder Spezialbehandlungen. Ist diese Kritik Deiner Meinung nach gerechtfertigt?
Dirk Pilat: Manchmal. Selten. Immer seltener. Es ist wohl wahr, dass die NHS seit Labour einen riesigen neuen Middlemanagement-layer bekommen hat (die sogenannten Primary Care Trusts), deren Nutzen auch ich nur selten erkenne. Die Target Culture unter Tony Blair hat halt Tausende von eigenartigen neuen Jobdescriptions geschaffen, meistens um irgendwelche Targets zu überwachen (und Performancemessungen vorzunehmen). Aber dafür wird eben auch versucht, diese Targets einzuhalten (z.B. Reduktion von Wartezeiten in A+E, bei Operationen oder um Spezialisten zu sehen). Was denn die Wartezeiten so angeht: Die Notfallversorgung ist genauso gut wie in Deutschland. Jeder mit Verdacht auf eine neue Krebserkrankung muss innerhalb von zwei Wochen von dem relevanten Facharzt gesehen werden, und das funktioniert auch sehr gut. Patienten mit nicht lebensbedrohlichen Problemen (sagen wir mal ein Knie, das schon seit längerem schmerzt, oder jemand mit einem Gallenstein, der schon ‘mal grummelt) dürfen nicht länger als vier Monate auf ihren Facharzttermin warten, doch werden in der Zwischenzeit vom GP schon alle notwendigen Untersuchungen angeordnet, sodass der Facharzt das nicht mehr machen muss. Das geht meistens wesentlich schneller, aber kann halt schon frustrieren. Falls sich in der Zwischenzeit am Gesundheitszustand etwas ändert, braucht der GP nur den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und sich mit dem Facharzt zu unterhalten, dann geht das auch viel schneller.
LL: Wie gut oder schlecht schneidet der NHS deiner Meinung nach im internationalen Vergleich ab?
Dirk Pilat: Der NHS hat immer noch Krankenhäuser aus dem vorletzten Jahrhundert und Nachkriegsgebäude, die natürlich nicht den selben Bauzustand haben wie viele der schönen Kliniken in Deutschland. Leider gibt es immer noch Krankensäle, in denen acht bis sechzehn Patienten zusammen liegen, aber das wird immer weniger. Mann muss auch immer beachten, dass obwohl der Steuerzahler einen viel niedrigeren Beitrag am Budget leistet, das UK nur zwei Prozentpunkte of total health expenditure per budget per GDP hinter Deutschland liegt. Interessanterweise ist die britische Ärztedichte per 1000 Patienten höher als in Deutschland, und die Lebenserwartung der Gesamtpopulation ist fast gleich.
LL: Wie geht man innerhalb des NHS mit dem Problem der sogenannten Kostenexplosion im Gesundheitswesen um? Kann ein so umfassendes Gesundheitssystem überhaupt flexibel genug sein, wenn es um zukünftige Probleme geht?
Dirk Pilat: Das musst du George Osborne fragen. Ich denke mal, dass auch die NHS Federn lassen muss, doch glaube ich dass da eine Menge im Middle Management gespart werden kann (bei den Primary Care Trusts). Frontline Staff wie Krankenschwestern und Ärzte werden wohl nicht dem Rotstift zum Opfer fallen.
LL: Ist das britische Gesundheitssystem ausgereift? Wenn nicht, was sollte man Deiner Meinung nach verbessern? Hat die NHS Zukunft?
Dirk Pilat: Ich bin da natürlich voreingenommen, aber ich denke, dass die NHS schon das beste staatliche Gesundheitssystem darstellt, vor allem wenn man den Kosten-Nutzen-Faktor für den Endverbraucher sieht. Dadurch, dass die große Mehrheit aller Patienten von ihren General Practitioners eine hervorragende "all in one" Versorgung bekommen, reduziert sich der teure (und oft viel zu schnell geforderte) Bedarf an Überweisungen zum Facharzt. Das spart ungemein.
LL: Gegner der von Barack Obama in den USA geforderten Gesundheitsreformen vergleichen sein geplantes System mit dem NHS. Man spricht unter anderem von einem bürokratischen sozialistischem System, in dem Pflegeleistungen rationiert und älteren Patienten Behandlung verweigert werden. Wie stehst du zu diesen Vorwürfen?
Dirk Pilat: Meine deutschen Kollegen fragen mich immer, ob man immer noch im NHS nach dem sechzigsten Lebensjahr keine Transplantationen mehr macht oder Patienten keine neuen Gelenke mehr bekommen. Das ist kompletter Blödsinn. Wahr ist aber, dass man im NHS nicht einfach drauflos operiert. Immer entscheidend ist, ob ein Eingriff auch die Lebensqualitätet des Patienten entscheidend verbessert. Bei manchen Patienten verbessert auch eine neue Hüfte halt nicht die Lebensqualität oder die Mobilität weil andere medizinische Probleme dieses verhindern. Dann muss man abwägen, aber das geschieht immer zusammen mit dem Patienten, dem GP, der Familie und dem Facharzt. Auf der anderen Seite ist es ueberhaupt kein Problem, dass ein/eine fitte/r 85 Jährige/r eine neue Huefte bekommt.
LL: Ist die Ausbildung der britischen GPs vergleichbar mit der deutscher Ärzte?
Dirk Pilat: Wie das heutzutage bei den Deutschen läuft weiss ich nicht mehr, aber hier in der NHS ist der Weg zum GP facettenreich: Nach dem AiP habe ich jeweils sechs Monate Jobs in der Gastroenterologie, Kardiologie, Chirurgie, Notfallmedizin, Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Psychiatrie gehabt. Dann noch mal sechs Monate in einem kleinen Landkrankenhaus in Schottland als Internist für alles und ein Jahr als Assistent in einer Landarztpraxis. Erst dann habe ich mein Facharztexamen gemacht. Vielseitigkeit wird gefordert, und auch die neue Facharztverordnung für GPs hier in GB erfordert ähnliche Lebensläufe.
LL: Man hört immer wieder, dass die NHS Ärzte aus anderen Ländern beschäftigt und einsetzt. Wie kommt das?
Dirk Pilat: Die britische Facharztausbildung (in allen Fächern) ist hoch angesehen. Die Membership eines der traditionellen britischen Colleges (GP/Surgery/Physicians/Paediatrics/Anaesthesia, etc.) wird innerhalb des Commonwealth als Fahrkarte in eine lukrative Karriere angesehen. Daher unser bis vor kurzem hoher Anteil an Kollegen von indischen Subkontinent, Afrika und Ozeanien. In meinem ersten Assistenzarztposten war ich einer von zwanzig Ärzten aus dreizehn Laendern in der internistischen Abteilung. Nur einer von uns war Brite (ausser ein paar Chefärzten). Ich habe von meinen Kollegen aus Bangladesh, Afghanistan, Irak und Uganda klinische Tricks gelernt, die man nur kann, wenn man halt kein Ultraschallgerät, CT scanner und ein Laboratorium im Hinterzimmer stehen hat. Ausserdem haben mir die Kollegen Rezepte aus Ihren Heimatländern beigebracht die ich heute noch koche :-). Mit der EU-Erweiterung haben jetzt mehr Kollegen aus Osteuropa Einzug gehalten. Und was Deutsche in der NHS angeht: Tausende!
LL: Könntest Du Dir vorstellen wieder in Deutschland als Arzt zu arbeiten?
Dirk Pilat: Nie.

Interessantes Interview, danke.
Ich finde den NHS auch nicht so schlecht wie es sich immer anzuhören scheint. Ich musste bisher nur im Krankenhaus und bei der Family Planning Clinic vorbei (da noch kein GP) und da hab ich sehr gute Erfahrungen gesammelt. Ich hab bisher meistens mit Nurses gesprochen, die ich immer sehr hilfreich fand. Beim GP werde ich mich demnächst mal anmelden. (Ich weiß shame hätte ich schon längst machen sollen, aber iwie nicht geschafft).
Posted by: Jess | 08/11/2009 at 16:44
Super Idee das Interview! Wenn man eine ehrliche Antwort auf die Frage, ob NHS gut oder schlecht ist, haben will, kann diese eigentlich nur ein deutscher GP beantworten. :-)
Posted by: Christian | 08/11/2009 at 16:53
Spannend, sehr spannend!
Posted by: twitter.com/Signal77 | 08/11/2009 at 16:56
Famoses (um mal den Binderschen Sprachgebrauch zu bemuehen) Interview.
Vielen Dank die Herren.
Posted by: Maxx | 08/11/2009 at 18:24
hab das foundation programme in east midlands gemacht, unvergesslich.
Posted by: andreas fazekas | 08/11/2009 at 22:55
Schade nur, dass die Adresse seiner GP-Praxis nirgends zu finden ist...
Posted by: crishan | 09/11/2009 at 10:47
Sehr interessant und vor allem sehr aufschlußreich, vor allem deshalb weil auch ich ne Menge Infos über das Gesundheitssystem in GB hatte die mehr auf Hörensagen und Gossip beruhten als auf Fakten. Mir scheint das der Beruf, dem Ideal - Bild "Beruf Arzt" sehr viel näher kommt, so wie ich ihn im Grunde auch verstehe - ein Heiler der für den Patienten - Krankheiten da ist, der sich mit Krankheiten auskennt.
Vielen Dank
Posted by: alivenkickn | 09/11/2009 at 16:16
die GPs in lower clapton die ich bisher gesprochen habe, waren alle super. die facilities dagegen weniger. interessant daher auch mal eine innenansicht zu bekommen. vielen dank.
Posted by: twitter.com/cripple_me | 10/11/2009 at 08:38
ein grund, warum das deutsche system erheblich mehr geld kostet, als das englische: die facilities müssen nur funktionieren - in D müssen sie dagegen aber auch verkaufen. eine shiny shiny praxis, wie sie mein dt. orthopäde hat und meine gynäkologin ebenfalls (die praxen sind so schick, dass jeder von uns dort sofort einziehen würde), wird man in england nicht finden. und noch etwas, auf das der nhs verzichtet: in D gibt es zahllose krankenkassen. jede mit einer eigenen teuren chefetage, einem kleinen oder großen glaspalast und wettbewerbsorientierter kommunikation - mit webseite, kundenmagazin und allem schickedöns. kostet alles unnötiges geld und die gesundheitsversorgung wird keinen deut besser davon.
Posted by: an_floet | 10/11/2009 at 10:55
Schickedöns is overrated.
Posted by: Dirk Pilat | 10/11/2009 at 12:33
Herr Binder, Herr Pilat - da ist, so glaube ich, mal ein Roast fällig, oder?
Posted by: The Cartoonist | 10/11/2009 at 22:00
Na wenn das keine gute Idee ist...
Posted by: Konstantin | 11/11/2009 at 06:02