Der Schatzkanzler (Chancellor of the Exchequer) praesentiert uns als Chef der Treasury (Finanz- und Wirtschaftsministerium) einmal im Jahr das sogenannte Budget. Im Finanz- und Wirtschaftsministerium definiert man das Budget als “the major financial and economic statement made each year by the Chancellor of the Exchequer to Parliament and the Nation”. Man kann sich vorstellen, dass am Budget day Medienleute, Analysten, andere schrecklich wichtige Gestalten und normale interessierte Menschen wie du und ich ziemlich gespannt die Berichterstattung verfolgen, wenn der Schatzkanzler in den House of Commons in einer Rede das Budget vorstellt.
Vor der Rede findet traditionell einen Phototermin vor 11 Downing Street statt, denn dort wohnt der Herr Schatzkanzler. Die Photographen warten vor dem Gebaeude, der Herr Schatzkanzler tritt vor die Haustuer und hebt freundlich laechelnd einen ziemlich alt und abgewetzt aussehenden, haesslichen kleinen Aktenkoffer hoch, the famous budget briefcase.
Mit der Hilfe des Aktenkoffers traegt er seine Rede zum House of Commons, der Koeffer enthaelt also die harten Fakten. Alistair Darling verwendet zur Zeit das original briefcase, es stammt aus dem Jahr 1860. Davor wurden Reden natuerlich auch irgendwie transportiert, aber dieser kleine einigermassen schaebig aussehende Aktenkoffer wurde seit 1860 von den jeweils amtierenden Schatzkanzlern benutzt, um die Budgetrede herumzutragen. Seit 1860, mit wenigen Ausnahmen: James Callaghan entschied sich 1964, einen anderen Koffer zu verwenden, das rote Lederdingens war ihm schlicht zu klein, und Gordon Brown liess 1997 einen schicken neuen Aktenkoffer fuer sich anfertigen.
Und einmal, 1886 naemlich, vergass ein Schatzkanzler die Rede zu Hause und nahm einen leeren Koffer in das House of Commons: George Ward-Hunt. Na, Downing Street ist ja nicht weit von den Commons, das war sicher kein Drama.

Ich liebe diese "Eigenheiten" der Engländer. Das hat so viel Stil und Tradition wie sonst nirgends in Europa.
Posted by: Stefan | 27/03/2010 at 09:19
The Germans have some interesting traditions too. What about Dinner for One which, though originating here, is hardly known in Great Britain?
Posted by: Dr Grumble | 28/03/2010 at 10:05