Heute, liebe Leserinnen und Leser, wollen wir uns mit einem interessantem Alltagsthema beschaeftigen, also bitte gut aufpassen. In der Reihe "Technik, die begeistert" oder auch "Selbstverstaendlichkeiten, die keine sind" besprechen wir die Klospuelung. Man mag diesem Thema vielleicht spontan extraordinaere Profanitaet vorwerfen, es gar als zu vulgaer verwerfen. Wasser wird in einem Tank gesammelt und spuelt nach Schalterbetaetigung das, womit der Koerper nach einem erstklassigem curry nichts mehr anfangen kann, hinfort. Aber haltet ein, Gevatter. Nicht nur ein gewisser Herr Crapper waere jetzt erbost, auch ich sage mit fester Stimme objection, your honour. In Britannien exisiert naemlich ein spezielles System, welches uebrigens bis vor einigen Jahren sogar vorschriftlich vorgeschrieben war, bis die EU mal wieder durch Verordnunslockerung und boesartige Einmischung diese fabelhafte Exklusiviteat zunichte machte und sozusagen verwaesserte. Dieses System traegt auch einen Namen, es heisst "tank style with siphon flush valve". Ja wie denn auch sonst?
Worum geht es? Nun, wer zum ersten Mal die Inseln bereist und am Morgen nach einem erstklassigen curry das tut, was getan werden muss, hat sich sicher schon mal gewundert, dass eine mit zu wenig Kraftanstrengung angetriebene Schalterbetaetigung nix bewirkt. Kein Wasser, keine Spuelung. Verdruss, Enttaeuschung, vielleicht sogar etwas Veraergerung. Grundfalsch jedoch waere es, jetzt den Hebel mit Kraftausdruecken zu beschallen. Man muss hier naemlich den Hebel einfach mit etwas Schmackes runterdruecken, sonst spuelt die Toilette kein bischen und gluckert nur ein wenig verwirrt vor sich hin. Nicht der Hebel traegt die Schuld, der Benutzer verdient den Tadel.
Woran liegt das? Am oben erwaehnten siphon flush valve, natuerlich. Auf dem Kontinent ist es eher ueblich, mittels des Klohebels eine einfache Abdeckung zu heben, quasi eine Art Ventil zu oeffnen, welches im Ruhestand durch die Einwirkung des Wasserdrucks am Boden des Tanks den Abfluss abdichtet und nach Hebung das Wasser zur Spuelung freigibt. Nicht so hier. Zur Verdeutlichung bitte ich jetzt um erhoehte Konzentration bei gleichzeitiger Begutachtung folgender Illustration.
Das Druecken das Hebels beim tank style with siphon flush valve bewirkt, dass der Kolben (das gruene Ding) nach oben gezogen wird und Wasser in den rechten Arm des u-foermigen Rohres (genannt siphon) presst. Auf der anderen Seiten bahnt sich das Wasser seinen Weg nach unten und "zieht" damit, weil das Ende des Abflusses unterhalb des Tanks liegt, den Rest des Wassers aus dem Tank nach sich. Der Tank entleert sich komplett und so fix, dass es nur eine Freude ist. Schon mal Benzin aus einem Autotank abgelassen? Dasselbe Prinzip. Schlauch rein, ansaugen, Schlauch schnell nach unten halten, und wenn das Schlauchende unterhalb des Tanks liegt, entleert sich dieser. Der Schwimmer funktioniert uebrigens genauso wie auf dem Kontinent und schliesst das Ventil zur Wasserzufuhr, sobald sich der Tank nach Spuelung wieder gefuellt hat. Wer das jetzt alles gelesen hat, (bis hier durchgehalten, sehr beeindruckend), wird verstehen, dass die Kolbenhebung einer gewissen Kraftanstrengung bedarf. Und wenn man den Kolben zu langsam zieht, passiert natuerlich nix.
Und weil das alles so spannend ist, musste ich natuerlich gleich meinen Latrinentank eingehend inspizieren, und siehe da, es ist alles vorschriftsmaessig vorhanden.
Eins a tank style with syphon flush, aber hallo. Die gruene Stange rechts ist das Oberkolbenteil, links daneben sieht man den siphon, alles bestens. Und komm mir jetzt keiner mit Dreck im Tank, da wird jeden Tag hart gearbeitet.
Alles verstanden? Prima. Dann kommen wir jetzt zu der entscheidenen Frage. Wozu soll das alles gut sein? Warum nicht einfach wie auf dem Kontinent den Tank leeren, und gut ist. Es gibt einen Erklaerung. Das System ist weniger anfaellig fuer Undichtigkeiten. Es leckt nicht, weil es nicht lecken kann. Die kontinentale Spuelung (flapper flush valve) ist anfaellig fuer Verschleiss, denn wenn sich die Dichtung nach Jahren gelangweilt der Poroesitat hingibt und nicht mehr anstaendig dichtet, faengt es an zu lecken. Und das wollen wir natuerlich nicht.Na? Und? Ist das klasse, oder was? Made in Britannien und maechtig clever. Ich bitte also darum, beim naechsten Mal, und wir alle wissen, das naechste Mal wird kommen, den Hebel mit Sorgfalt, fein dosierter Kraft und gebuehrendem Respekt zu betaetigen. Das hat er sich naemlich redlich verdient, der kleine Schei.....
Vielen Dank an Bjoern, der mich vollkommen zu recht auf die Erwaehnungswuerdigkeit dieses exzellenten Spuelprinzips hinwies.
Nachtrag: Der "Saugheber" im Oxford English Dictionary.

"...den Hebel mit Sorgfalt, fein dosierter Kraft und gebuehrendem Respekt zu betaetigen."
Ich werde es mir merken, danke für den Tipp!
Super Idee übrigens, dieser Toilettenspülungsratgeber. Hätte ich mich wahrscheinlich nie im Leben mit beschäftigt...
Wieder was gelernt :)
Posted by: Claudia | 03/05/2010 at 19:20
Endlich! Auch ich muss bei jedem Inselaufenthalt erst mal durch Nichfunktionieren an den Krafteinsatz erinnert werden, den hier die Spülungen verlangen. Jetzt weiß ich, warum.
Und als Nächstes lese ich hoffentlich die Erklärung für die Abwesenheit von Mischbatterien an Waschbecken. Made in Britain und mächtig clever und so.
Posted by: kaltmamsell | 03/05/2010 at 19:42
Großartig, wundervoll und herrlich geschrieben. Wieder mal eine Bestätigung, warum ich dieses Blog lese.
Ach und wie gern ich jetzt das Curry und das Klo in London hätte...
Posted by: Der moderne Nerd | 03/05/2010 at 19:52
es sei denn man befindet sich in der öffentlichen Damentoilette am Leicester Square. Dort genügt ein Antippen der Spülung...danach sollte man etwa zwei Schritte zurücktreten -sofern das möglich ist- um den entgegenschlagenden Wassermassen auszuweichen.
;)
Posted by: Nika | 03/05/2010 at 20:00
Aha. Klasse Artikel.
Ich habe lange und gerne in London gewohnt, aber mir ist die Klospuelung-zum-einfach-draufdruecken lieber. Die hat aber bestimmt "no character" oder ist sonstwie unbritisch.
Gerade nach einem Curry - das ja oft mit einer gehoerigen Portion Bier einhergeht. Die Folge davon: Hangover. Und der ist ja bekanntermassen der Koordination (Sorgfalt, fein dosierte Kraft) eher abtraeglich.
Ich schliesse mich Kaltmamsell an und wuerde liebend gerne eine Erklaerung fuer die Liebe der Englaender zu ihren getrennten Wasserhaehnen sehen.
Posted by: Andreas | 03/05/2010 at 20:07
W I E S O lese ich mir sowas überhaupt durch??? Danke, daß Du mich immer so wunderbar unterhälst!
mart
Posted by: mart | 03/05/2010 at 20:14
Interessant! Werde daran denken, dass es einen nützlichen Grund dafür gibt, wenn ich das nächste Mal wieder mal Probleme mit der richtigen Krafteinwirkung auf den Spüler habe... Das mit der fehlenden Mischbatterie würde mich auch interessieren. Vielleicht hat es ja auch einen nützlichen Grund, der sich uns Kontinentaleuropäern nicht so einfach erschließt?
Posted by: Julia | 03/05/2010 at 20:21
Danke, das erklaert auch warum man hier nicht "nachspuelen" kann bzw. warten muss bis der Behaelter wieder entsprechend voll ist.
Habe mich schon mehr als einmal gefragt warum das so ist .
Posted by: Max | 03/05/2010 at 20:48
Großartiger Artikel. Indeed.
Wobei meine Erfahrungen in Londoner Hotels eher dahingehend sind, daß zwar eine gewisse Kraft vonnöten ist, aber auch mit (um eben das "schnell" zu erreichen) ein gewisser Schwung in die "typische Handbewegung" gehört.
Posted by: Eckart | 03/05/2010 at 21:29
schande ueber mein Haupt! Ich habe gerade in meinem englischen Haus deutsche Toiletten und Mischbatterien einbauen lassen ;-)
Posted by: Iris | 04/05/2010 at 09:48
die brennendste aller Fragen: wo gibt´s das beschriebene Curry, das schaut nämlich sehr gut aus ???
Wäre für sachdienliche Hinweise sehr dankbar, da ich ob des Angebotes in London immer wieder überfordert bin, welchen Inder ich auf- bzw. heimsuchen soll ;-)
Posted by: HEBRI | 04/05/2010 at 10:51
Da muss ich mich auch einfach mal wieder bedanken! Ein wunderbarer Artikel!
Posted by: Markus B. | 05/05/2010 at 00:56
"Schon mal Benzin aus einem Autotank abgelassen? Dasselbe Prinzip. Schlauch rein, ansaugen, Schlauch schnell nach unten halten, und wenn das Schlauchende unterhalb des Tanks liegt, entleert sich dieser."
nach dem ansaugen sollte man mit dem Finger den Schlauch zu- und dann erst nach unten halten. Sonst
schießt einem das Benzin schneller in den Mund als man schlucken kann ;-)
Posted by: Joe | 07/05/2010 at 13:23
...und besonders Zweitaktgemisch schmeckt übel...
Posted by: Eckart | 08/05/2010 at 19:17
jaja, "schoen geschrieben", natuerlich, wie immer... aber zur sache: ihr scheint alle keiner kinder zu haben, die armen kleinen muessen naemlich in der regel 5 oder 6 jahre alt werden, um endlich genug kraft+schwung fuer eine englische toilettenspuelung aufbringen zu koennen!
ein weiterer punkt zur nachfrage stellt sich beim gedanken des wasser-sparens: ist es bei englischen toiletten eigentlich auch moeglich, zwei tasten fuer grosse und kleine spuelung einzubauen? oder eine manuell gesteuerte, die aufhoert, sobald man nicht mehr zieht?
Posted by: Emily | 15/05/2010 at 18:29