21. Oktober 2011
Completion.
Die Statistiker behaupten, man bliebe hier nur durchschnittlich fuenf Jahre lang in der ersten gekauften Immobilie bevor man weiterzieht und sich etwas neues kauft (groesser bevorzugt). Oder waren es drei? Dann sieben in der zweiten. Oder fuenf? Ich weiss es nicht. Aber ich haette es wissen muessen. Vor fuenf Jahren habe ich mir eine Wohnung in London gekauft. Klassisch, denn hier wird gekauft, wenn man es sich leisten kann. Zur Miete wohnt, wer keine Anzahlung zum Kauf hat und/oder wer keine mortgage bekommt. Das ist vielleicht etwas plakativ und einfach ausgedrueckt, aber im Vergleich zu D-Land ist der Anteil der Wohnungsinhaber hier sehr viel hoeher.
Wer jemals auf den Inseln den Kauf einer Immobilie mitgemacht hat, weiss, wie stressig so etwas sein kann und was dahinter steckt. Not funny. Formulare ausfuellen, Verdienst nachweisen, Anwalt finden, mortgage broker finden, countless emails, Telefongespraeche, all das schoen und gut (nicht), aber erstmal das richtige Haus finden und gleichzeitig die Wohnung verkaufen, das zehrt und ist kompliziert, aber so richtig.
Vor ungefaehr zwei Monaten verbrachte ich ein Wochenende allein in London, mein Maedchen besuchte die Familie in D-Land, und es ergab sich die Gelegenheit ein Haus anzusehen. Wir hatten lange davor darueber gesprochen umzuziehen. Eine Wohnung sollte es werden, oder ein Haus? Viel zu teuer. Oder vielleicht doch? Wir durchsuchten den gesamten Markt im Nordwesten, sahen uns Stadtteile an, lieber weiter ausserhalb dafuer groesser?
Und dann das. Ein wunderschoenes 100 Jahre altes Cottage. Wunderbare Ausstattung, perfekte Lage, kein allzu kleiner Garten, bezahlbar, was man hier bezahlbar nennt. Ich fuhr hin, sprach mit den den Verkaeufern, trank in der formidablen Wohnkueche eine feine Tasse Tee und wusste, das ist es. Hier willst Du wohnen, hier willst Du Dein Leben mit Deinem Maedchen verbringen, hier willst Du Dich einrichten, hier willst Du Dich niederlassen, hier willst Du leben.
Am naechsten Tag fuhren wir abends nochmals hin, ich aufgeregt zum zweiten Mal, sie gespannt und aufgeregt zum ersten Mal. Wir besprachen eine Kaufoffer, die Offer wurde noch am Abend akzeptiert. Jetzt musste nur noch das Geld her, um das Haus zu kaufen.
Wochenlanges Gezerre folgte, denn zu dem Zeitpunkt duempelte meine Wohnung noch auf dem gleichnamigen Markt herum, schliesslich der Anruf vom Makler, Verhandlungen am Telefon und ja, Preis akzeptiert, Kaeufer gefunden, alles gut. Soweit. Dann die Finanzierung organisieren, Verkauf und Kauf muessen am selben Tag passieren, alle Beteiligten muessen sich auf diesen Tag einigen, die Anwaelte die rechtlichen Dinge regeln, so wie das Anwalte eben tun, und irgendwann kann man nur noch reagieren, wenn wieder etwas fehlt, oder wenn jemand sagt, dies oder das muesse noch organisiert werden, dann, dann sei aber auch wirklich alles erledigt, versprochen, yeah right, und dazwischen die oben bereits erwaehnten zahllosen Emails und Gespraeche mit ich weiss nicht wievielen Menschen, schlaflose Naechte, literally, vielleicht mal wieder zur Ruhe kommen bitte, wir schaffen das, ganz sicher, ein paar Rueckschlaege, aber jetzt mal ernsthaft, was soll schon schiefgehen, aber haben wir uns auch wirklich nicht verrechnet?
Und immer wieder, was immer man auch tut, was immer man erwartet, alles wird sich verzoegern, weil das eben so ist.
21. Oktober.
Completion.
Die Gelder transferieren munter vor sich hin, und die Eigentuemer wechseln - weniger munter, weil angespannt. Ein paar Tage spaeter traegt ein civil servant ein, dass irgendwo in London eine Wohnung verkauft und zur gleichen Zeit ein Haus gekauft wurde. Er wird sich nichts dabei denken, denn er tut dies jeden Tag. Aber irgendwo in London denken sich ein paar Menschen sehr viel dabei.
Die Sachen sind gepackt, mehr oder weniger, am completion day muss man spaetestens mittags raus sein, der neue Eigentuemer zieht am selben Tag ein, ja, am selben Tag. Die Umzugsleute verspaeten sich, wir haben die zeitlichen Szenarien hundertmal durchgesprochen, wir schaffen das. Die Jungs moegen zu spaet sein, aber sie arbeiten unglaublich schnell und gut, wir raeumen noch auf, saeubern die Wohnung, den Satz Wohnungsschluessel habe ich am Tag vorher beim Makler deponiert, jetzt heisst es nur noch die Tuer zuziehen, abschliessen und die Ersatzschluessel durch den Briefschlitz werfen, einmal gruessen, ein bischen innehalten, fuenf Jahre. Good bye, meine geliebte kleine Wohnung auf dem wunderbaren Huegel im Nordwesten Londons mit der Sicht ueber die Stadt, mit dem kleinen Balkon.
Es ist Mittag, die Umzugsjungs besorgen sich etwas zu essen, wir fahren zum Makler, um uns die Schluessel fuer das Haus zu sichern. Die Anwaelte haben waehrend des Vormittags alle Geldvorgaenge bestaetigt und lassen die Makler wissen, dass die deponierten Schluessel freigegeben sind.
Release of keys. We've got the keys! It's ours, we own the house! Nichts kann mehr schiefgehen, nichts kann mehr passieren, nach all den Wochen.
Die Verkaeufer haben sich verspaetet und brauchen noch eine Stunde, sie ziehen weit weg, in den Norden, die Situation ist seltsam und sehr bewegend, sie sind traurig das Haus zu verlassen, letzte Photos, unsere Umzugsleute warten vor dem Haus im Transporter mit dem Krams den zwei Menschen angesammelt haben, noch eine Stunde Ausladen, es ist der 21. Oktober 2011, wir sitzen zwischen Kisten und Moebeln und God knows what in unserem Haus in North West London.
Es kann einem auch verdammt viel schlechter ergehen.

Hello London, I love you dearly. Thank you for having me.
Recent Comments