Vor 100 Jahren haben sie dieses Haus gebaut. Vor hundert Jahren wohnten hier sicher mehr Menschen als heute. Dies ist keine teure Gegend. Die Menschen lebten hier nicht, weil es begehrenswert war hier zu wohnen. Es gab Arbeit und ein Dach dazu.
Heute kennt man es als London suburbs. Ein Londoner sagte mir mal, er wuerde die suburbs lieben, er haette dort sein ganzes Leben verbracht, sie seien wunderbar.

Manchmal nehme ich am Wochenende das Fahrrad und erkunde die suburbs. Eine Stunde, vielleicht etwas laenger. Es gibt zuviele Strassen, um sie zu Fuss zu entdecken, aber wer will das mit dem Auto tun? Wer die suburbs in London zum ersten Mal sieht, mag denken, die Strassen sehen alle gleich aus. Victorian, Edwardian, semis, terraced, alles dasselbe. Das stimmt natuerlich nicht, aber man soll es den Beobachtern nachsehen, wenn man nicht nicht nur hier wohnt, sondern auch immer mit offenem Auge durch die Strassen reist. Weil es schoen ist, und weil sich mit jedem zurueckgelegtem Meter die Ansicht veraendert.

Heute ist die Fassade, die Ansicht unserer Strasse geschuetzt. Das war natuerlich nicht immer so, aber irgendwann hat man eingesehen, dass sie vor hundert Jahren nicht einfach nur Kohle verbrannt sondern auch erstaunlich funktionell und schlau gebaut haben. Es gibt in London viele Strassenzuege, die geschuetzt sind - das freut mich natuerlich, das ist wichtig.
Unser Haus hat viel erlebt und gesehen, manchmal denke ich, ich wuerde gern wissen, wer hier vor uns gewohnt hat, wer hier geliebt hat, wer sich hier gestritten, wer hier gluecklich war. Aber vielleicht sollte ich das auch gar nicht wissen, vielleicht ist es schoener, nur zu ahnen oder sich vorzustellen, was in den letzten hundert Jahren hier passiert ist.

Langsam lernen wir unser Haus kennen. Es hat seine Ecken und Tuecken, nicht alles funktioniert wie es sollte, aber nach so langer Zeit, wer wuerde sich ernsthaft beschweren wollen. Der Garten hatte seit ueber zehn Jahren nicht viel Zuneigung erfahren. Respekt, sicher, aber reicht das.
Das Dach besteht und schuetzt uns immer noch vor dem Regen, Schiefer wehrt das Wasser ab, Welsh wahrscheinlich, vielleicht Cornish. Vieles wurde vor sechs Jahren erneuert und modernisiert, die Heizung, das Stromnetz, einer der urspruenglich vier Kamine ist wieder offen, die Fenster sind geradezu erschreckend modern - aber nicht haesslich. Das Haus lebt und wird belebt. Das Haus hat eine Seele. Vieles ist eher krumm und wuerde dem rechten Winkel einen erzaehlen, aber wer braucht schon einen rechten Winkel in einem alten cottage. Gehen Sie bitte weg, rechter Winkel.

Im Garten steht ein alter Apfelbaum. Er ist schrecklich schief und verwachsen und hat an viele Stellen Moos eingeladen Platz zu nehmen, aber er traegt ordungsgemaess. Aepfel, meine ich. Viele davon. Und er trotzt den Winden, ohne sich zu beschweren. Jemand, der es wissen sollte, meinte, der Baum sei fast so alt wie das Haus. Wieder ein Jahrhundert.

In der einen Haelfte des Gartens haben wir einen alten Pfad entdeckt. Buchstaeblich im Garten. Nicht wirklich ein Weg, jemand hat dort vor langer Zeit Steinplatten im Boden eingelassen. Im Laufe der Zeit haben der Efeu und sein Freunde die Steine ueberwuchert, wir wussten davon nichts. Wann genau und wer sie gelegt hat, man kann nur spekulieren.

Morgens hoeren wir hier Voegel zwitschern. Das ist ihr gutes Recht, ich beschwere mich nicht. Aber was ich meine ist, wir hoeren nur die Voegel. Die kurze Strasse muss keinen Verkehr ertragen, sie raekelt sich gelangweilt vor sich. Und die Anwohner danken es ihr.
Eines ist klar. Wir wohnen hier nur endlich. Wir moegen uns Besitzer oder Eigentuemer nennen, aber das nur fuer eine bestimmte Zeit. Und fuer diese Zeit haben wir eine Verantwortung. Wir muessen dafuer Sorge tragen, dass es dem Haus gut geht, wir sind verantwortlich fuer dieses Haus.

Jeder Dummkopf kann ein Haus kaufen, solange das Geld stimmt, aber es zu verwalten, es zu beleben, sich um das Haus zu sorgen, das zaehlt, das ist wichtig, das ist taegliche Herausforderung, es ist sicher auch ab und zu frustrierend aber letztlich wunderbar, wenn wieder etwas fertig ist, so wie es sein soll.
Nach mehr als hundert Jahren sind wir an der Reihe. Wir leben seit Oktober in diesem Haus.
Cheers, auf die naechsten hundert Jahre.
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