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08/07/2016

Comments

Martin

Ich würde einen Mittelweg von 2 und 3 vorschlagen.
British Citizen werden schadet nicht! Schon gar nicht, wenn man sich auch noch die anderen Commonwealth-Länder ggf. erschließen möchte.

Wieso wegziehen? Wo ihr es euch offenbar so schön eingerichtet habt im UK?
Wohin?
Irland? Gemütlich, aber klein.
Skandinavien? Sprache könnte wieder ein Thema sein...

Wie auch immer: Geht nicht nach Deutschland, auch wenn es "einfach" erscheinen mag. Es gibt ja immer eine Mischung aus Push- und Pull-Faktoren, die einen "vertrieben" haben. Deutschland ist ein nicht minder polarisiertes Land, und keineswegs so tolerant, wie es sich selbst immer darstellt. Es ist überaltert, die Infrastruktur hinkt der Londoner und teilweise auch der in den Regionen UKs um 10 Jahre hinterher, der Einzelhandel ist in einem deprimierenden Zustand und man diskutiert im Staatsfunk dennoch nur, wie man die "alte Ordnung" bewahrt und wie schlimm Amazon doch ist, der Sozialstaat setzt Fehlanreize.

Deutschland schaut ebenfalls gern nach hinten, derselbe destruktive Konservatismus ist hierzulande vorhanden, zeigt sich nur anders als in UK. Und ihr habt keinen geraden klassisch deutschen Werdegang. Ihr werdet mit eurer britischen Sozialisation und Berufserfahrung nicht in jedem Bereich durchgängig willkommen sein.

Vor allem: Warum den Auswanderungsschock unnötig nochmal erleben?

Kann mir nicht vorstellen, dass in Großbritannien die Lichter ausgehen. In den 70ern und 80ern hat man auch Krisen gehabt und bestanden. Ich glaube an euch und an UK.

Grüße aus Berlin. Ich habe auch mal in UK gelebt und vermisse es.

Wusch

Ich stimme Marzin voll zu.

Nach dem ersten Schock lasse ich mein Leben nicht weiter als nötig bestimmen, ich passe mich nur soweit an um am Ziel zu bleiben oder es dann eben zu erreichen.

Ich hätte sofort den Pass beantragt und habe mich auch gefragt warum nach 15 Jahren nicht schon längst wenn man doch dort alt werden wollte.

Du sagtest ich bin ,Londoner , dann bleibt das auch so und der trotzdem erwähnte Deutsche war eben mal.

Entweder ist dein Herz dort oder nicht.

Ich bin weder bockig noch sonst etwas kindisches trotz des Schocks und eines gewissen Schmerzen. Allerdings war ich nie naiv zu glauben, dass man als Einwanderer von jedem geliebt wird.
Wenn man die Sicherheit will, dann hätte man nie sein Land verlassen dürfen, und es ist auch egal wohin man geht wenn man auswandert, da ist man es immer. Nur klebt gerade uns mit Kaukasischem aussehen kein Deutschland Schild am Kopf.
Muss ich so sagen.
So gesehen....
Außerdem hast du auf Arbeit Zuspruch bekommen etc... Und bist in London nicht außerhalb.
Und diese Wogen werden sich ebenfalls wieder glätten.
Du hast ja noch 2 Jahre oder so Zeit.
Die fremdenfeindliche. Die jetzt gerade offen auftreten hätten dir auch vorher schon im Dunkeln begegnen können.

So sehe ich das.

Sorry.
Und och sehe auch nicht die knappen 50%leaver sondern die anderen 50.
Und auch von den 50 haben es viele viele viele nicht wegen Fremdenpass gemacht.
Also..
Wenn du noch jemanden sprechen möchtest der mit Herz und Kopf auch die ganze Zeit mit sich diskutiert, Email ist angegeben.

Liebe Grüße


Paul

Willst du dich wirklich der Demütigung unterziehen, eine Arbeitserlaubnis in einem Land zu beantragen, in dem du schon so lange lebst und arbeitest? Denn das wird kommen, egal, ob Leadsom oder May (d.h. Pest oder Cholera) übernehmen. Wir leben jetzt sei 12 Jahren im London, alle unsere Kinder sind hier geboren, aber spätestens, wenn wir ausdrücklich um Erlaubnis bitten müssen, hierbleiben zu dürfen, sind wir weg. Und ein britischer Pass ist jetzt ein absolutes no-go (die Kinder haben sowieso einen, aber zum Glück eben auch einen deutschen).
Wir arbeiten beide in Jobs , für die händeringend nach Fachkräften gesucht wird, deswegen kriegen wir ständig zu hören: "But YOU'll be all right!" - that's not the point though, is it? Warum soll die polnische Putzfrau sich mehr Sorgen machen müssen als wir? Auch auf die Gefahr hin, sehr deutsch zu klingen: geht es da nicht ums Prinzip?
Wir werden jetzt sicher nichts überhasten, wie die (englischen) Freunde, die vergangene Woche ihr Haus bei Foxtons angemeldet haben und nach Schottland ziehen. Aber die Zukunft ist ganz klar außerhalb des UK. Spätestens in 4 Jahren geht's hier richtig abwärts, vor allem der NHS wird ungeheuer leiden.
Das kann man sich ja noch eine Weile aus der Nähe betrachten, aber langfristig wird sich dieses Land in eine Richtung entwickeln, die es einem paneuropäisch denkenden Menschen verunmöglichen wird, hierzubleiben. Und was den Rassismus angeht: ein Mitschüler meines ältesten Sohnes (Pole) und seiner Schwester sind vor ein paar Tagen von einer Frau in Brompton gefragt worden: "Why are you still here?"
Gute Frage.

Martin

Ja, das mit dem Prinzip, diese alle-müssen-gleich-gemacht-werden-Denkweise klingt sehr deutsch. Warum soll man sich selbst "opfern", wenn es für einen selbst doch funktioniert?

Ein "community spirit" ist ja an sich eine nette Idee, steht aber auch der Entwicklung Deutschlands hin zu einer modernen Dienstleistungsgesellschaft, wie man sie in UK, NL usw. hat, im Wege und befördert ein provinzielles Lagerdenken, in dem derjenige, der sonntags einkaufen geht oder bei Amazon bestellt, als Unmensch dargestellt wird, weil er alte Lebensstile und Geschäftsmodelle in Frage stellt.

Ich will das nicht gutheißen, dass in UK jetzt mancher Idiot meint, Oberwasser zu haben, und die Klappe aufmacht, wo er früher vielleicht geschwiegen hätte. Aber im europäischen Vergleich ist UK immer noch eine der liberalsten Nationen, nicht nur im Vergleich zu Ungarn, Polen, oder der Türkei, auch im Vergleich zu Deutschland oder Frankreich steht man so schlecht nicht da. Leider gehört das zum Minderheitendasein dazu, auch mal dumme Sprüche zu hören. Als "Gökdemir" in Gießen aufzuwachsen ist sicher nicht leichter als als "Łukasz" in London.

Paul

Zunächst mal: natürlich auch wunderbar deutsch, nochmal draufzuhauen, wenn jemand bereits angedeutet hat, dass die eigene Haltung möglicherweise zu rigide ist (in Frageform). Das ist ja eine Schwäche, die es auszunutzen gilt.
Dann: wer hat irgendwas von opfern gesagt? Inwiefern wäre es ein Opfer, einen britischen Pass zu beantragen? Ich hatte bisher das Recht, mit einem EU-Pass hier zu leben, und wenn mir das genommen wird, verabschiede ich mich, statt für viel Geld einen Sprachkurs zu belegen und irgendwelche absurden Testfragen zu beantworten. Das ist meine Grenze, die ziehe ich für mich, was andere machen ist Ihnen überlassen.
Dass du rassistische Sprüche nicht gutheißt, spricht natürlich sehr für dich. Aber erstens schreiben die Briten (speziell die Engländer) sich selbst gerne einen Toleranzbonus, den sie nach meiner Erfahrung nicht wirklich verdient haben, und zweitens: selbst wenn es hier besser ist als in einem semiautoritären Staat wie der Türkei: Rassismus bleibt Rassismus.
Community Spirit ist übrigens das Gegenteil von Lagerdenken, und befördert es nicht. Die moderne Dienstleistungsgesellschaft, die du so feierst, wird hier bald an ihre Grenzen stoßen. Und zuletzt: nach Deutschland, in dieses als Großstadt verkleidete Kaff Berlin gar, zieht mich wirklich nichts zurück, es gibt ja zum Glück noch ein paar andere Länder. Ich kann's mir mehr oder weniger aussuchen, und habe hier bisher aus Neigung gelebt. Vielen anderen geht es nicht so gut.

Rolf

Die dritte Möglichkeit, und dabei die Ruhe bewahren.

Konstantin

Paul, nein. Du hast recht, ich will mich nicht der Demuetigung unterziehen und eine Erlaubnis beantragen. Ich will keine Erlaubnis, ich will keine Amnestie, ich will keine Nachsicht, ich will keine Gnade. Ich will mich auch nicht anpassen. Und ich will keinen UK passport. Nicht mehr.

FeathersMcGraw

Ich habe ja schon kurz nach dem Ergebnis gesagt dass ich raus will, und das ist auch so geblieben. Ohne Eile, aber raus will ich immer noch. Nicht nach Deutschland, aber ich hoffe es findet sich noch eine andere Moeglichkeit. Und offensichtlich sieht man wenn man selbst im UK wohnt wie du, Paul, oder ich, alles etwas anders. Ich koennte auch bald einen Pass beantragen, aber eine neue Staatsbuergerschaft ist ein grosser Schritt, und den tut man nur da wo man sich willkommen fuehlt. Die Zeiten sind leider vorbei. Ich bin inzwischen schon so weit, den Briten Andrea Leadsom an den Hals zu wuenschen, damit das hier so bald wie moeglich erledigt ist mit dem Brexit. Das haette ich vor 3 Wochen auch noch nicht fuer moeglich gehalten.

zonebattler

Slightly off-topic: Dass Feathers McGraw raus will, verwundert angesichts seiner schurkischen Vita nicht. Alle anderen waren froh, ihn endlich hinter Gittern zu wissen: Ich erinnere mich noch gut an die Headline "Feathers McGraw Back Inside"... ;-)

Emily

Ich habe einen britischen und einen deutschen Pass seit meiner Geburt (deutsche Mutter, englischer Vater). Ich bin also nach wie vor genauso willkommen wie vorher und bin nicht in der Situation von heute auf morgen um Erlaubnis bitten zu duerfen hier zu bleiben. Ich bleibe. Dies ist nach wie vor mein Land, auch wenn es unangenehm wird. Ich liebe es, auch wenn wir im Moment einen heftigen Streit haben. Ich bleibe und protestiere und kaempfe gegen den Brexit und will dass Leute wie ihr genauso wie Polen, Slovaken, Hollaender, Portugiesen oder Italiener sich hier willkommen fuehlen. Ich hoffe, das Land kann zeigen, dass es eine ganze Menge engstirnige Ignoranten in diesem Land gibt, aber eine mindestens ebenso grosse Menge, die gegen sie aufstehen.

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