
Das Wasser bewegt sich flussaufwaerts, manchmal, immer wieder, seltsam, wunderbar, der Mond ist schuld, so heisst es, immer schon, Richtung Palace of Westminster, der koenigliche Palast, dessen Hausordnung den Kampf Mann gegen Mann mit Saebeln verbietet, der am Ufer dieses Fluss gebaut wurde, damit das Volk die Vertretung des Volkes niemals ganz umzingeln durfte. Weiter, immer weiter, irgendwann, weiter oben, sehr weit oben, am anderen Ende der Stadt, vorbei an exklusiven Stadtvierteln und Parks, wird das Wasser sich sammeln und dann wieder den Weg Richtung Kueste finden, durch die Stadt hindurch.
Auf der Waterloo Bridge koennte man anhalten, so wie unzaehlige Menschen vor einem, um das Wasser zu beobachten, das Wasser, welches die Stadt teilt und seit Hunderten von Jahren vereint hat. Kaum etwas in dieser Stadt ist so langanhaltend und so geduldig wie das Wasser, kein Gemaeuer kann sich messen, das Wasser wird es immer geben. Vielleicht besucht man nur diesen Ort, dann wird man sich umsehen, die Ufer betrachten, Norden, Sueden, es gibt wahrlich schlechtere Orte als die Bankside, die neuen Gebauede, das war nicht immer so, ueber Jahrhunderte war die Bankside beruechtigt und gefaehrlich, oder man geht man am Fluss entlang, Southwark, das von mir so geliebte Borough, weiter im Osten entlang der alten wharfs, oh, unglaublich schoen, tagelang koennte ich dort in den Strassen versinken und mich treiben lassen, London, immer noch und ueberall und gerade am Wasser.
Die Industrieanlagen am Suedufer, ohne Leben an den Wochenenden, aber hektisch an anderen Tagen. Irgendwann wird der Fluss breiter, er muss ja, denn mehr Wasser braucht mehr Raum, die Isle of Dogs, wie seltsam, die hohen Gebaeude recken sich gegen den Himmel, hier sucht man nach Spuren des alten Hafens der Stadt, hier und weiter oestlich, Tausende, Abertausende Arbeiter verdienten Geld im Tausch gegen Knochenarbeit, um die Familien durchzubringen, um zu ueberleben, nichts ist davon geblieben, auser einem Museum, gefuellt mit Erinnerungen, so scheint es.
Greenwich, ist das nicht eher ein Ort fuer sich, ist das noch London, sicher keine Stadt, aber am Wasser. Vergangenheit, ueberall, man wird uberwaeltigt wenn man lernt, was einmal passiert ist. Und dann wieder die schlichte harte kalte Realitaet, das Ufer muss nicht besonders schoen sein, nicht klassisch schoen, um nicht doch so intensiv zu beeindrucken.
Thames estuary, oh wie beruhigend das Land sein kann, das Wasser vereint sich mit dem Meer, irgendwann, alles wird weit, breit und offen und hell, die Ufer halten sich bescheiden zurueck, hier draengt sich keine Stadt mehr an das Wasser, hier existiert Land, es scheint als wuerde sich London zuruecklehnen, bis hier hin vielleicht, aber nicht weiter. Wer weiss, wie es hier in zwanzig Jahren aussieht.
Wer zurueckreisen moechte, den Fluss entlang, flussaufwaerts, am anderen Ufer, dem Wasser folgend, wenn das Wasser es will, verbindet irgendwann Canary Wharf mit der Square Mile in der City of London, und dann, spaetestens dann wird es wirklich seltsam, denn dort ist der Raum, der eigenen Regeln unterworfen ist, die seltsamerweise nur werktags funktionieren, als ob sie einer grossen Religion unterworfen seien, Geld heisst die Religion.
Westlich davon faengt die Vergangenheit wieder an, natuerlich, als ob an irgendeinem Ort in dieser Stadt das Vergaengliche nicht alltaeglich sei. Ha, und dann erreicht man schon wieder die Bruecke, dabei koennte man noch gut und gern einige Jahre auf dieser Reise verbringen, das Wasser beobachtend, dem Wasser folgend, sich treiben lassen, nicht anhalten, genau wie es das Wasser seit Jahrtausenden gemacht hat, und wie es das Wasser noch Tausende von Jahren machen wird, dann, wenn unsere kleinen Beobachtungen und Gedanken schon laengst fuer andere wieder Vergangenheit sind.
Und in jeder Strasse entlang des Flusses entdeckt man Geschichten, manchmal sind sie verbunden mit dem Wasser, manchmal nicht.
Nichts ist in dieser Stadt so schoen und so wichtig wie die Bewegung des Wassers.
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