Das Ritz Hotel in London ist eine Institution. Ehrwuerdig, aber vielleicht etwas klobig und trotzig scheint es neben Green Park ueber Piccadilly zu wachen, seit ueber hundert Jahren ist das Ritz Treffpunkt der Adligen und Reichen, es gehoert zu den grand hotels in London. Kaum jemand wuerde es als Ritz Hotel bezeichnen, es ist "the Ritz". Der schweizer Hotelier Cesar Ritz liess es bauen, seit 1995 gehoert es den Barclay brothers, die fuer die Renovierung ueber £40 Millionen ausgaben, und seitdem ist der Glanz wieder der alte, konservativ, luxurioes, eben - the Ritz.
In einem solchen Hotel bietet man dem Reisenden nicht nur seit Jahrzehnten formidable Unterkunft, es gibt natuerlich eine legendaere Hotelbar (in der ich vor einiger Zeit das Vergnuegen hatte einen der besten Gin and Tonics meines Lebens zu geniessen), private dining rooms und ein Ritual, unveraendert, britisch, fabelhaft, afternoon tea at the Ritz Hotel, oder kurz: Tea at the Ritz. Es ist as they say "a once in a lifetime experience", "a world famous institution", Kings und Queens, Politiker wie Churchill, Schauspieler wie Chaplin, sie alle kamen, um zumindest einmal in ihrem Leben fuer ein bis zwei Stunden afternoon tea so zu erleben, wie es famoser nicht erlebt werden kann.
Es ist kein billiges Vergnuegen, und Normalsterbliche wie yours truly muessen sich fuer eine Reservierung schon ein Weilchen gedulden, einige Monate braucht es, je nachdem. Bei uns waren es fuenf Monate, entsprechend gespannt betraten wir die heiligen Hallen an einem Sonntag, fuenfzehn Minuten vor der Zeit.
Das Personal im Eingangsbreich ist perfekt geschult, man wird mit ausgesuchter Freundlichkeit und Souveraenitaet weitergereicht, "you'll find the cloakroom to your right, Sir" und "the Gentleman over there will take over". Der "Gentleman over there" entpuppte sich natuerlich als der Restaurant Manager, und in wenigen Minuten geleitete man uns an unseren Tisch, die Stuehle wurden zum Platz nehmen zurueckgerueckt, die Dame zuerst, wie es sich gehoert, die Servietten diskret auf dem Schoss plaziert. Wenig spaeter wurde der Champagner serviert, den der Restaurant Manager unauffaellig anwies einzuschenken.
Wir sassen im Palm Court, denn im Palm Court wird Tee serviert. Und nur dort. "An opulently decorated cream-colored Louis XVI setting".
Dreimal hoerten wir bis hierhin das magische Wort "enjoy".

Afternoon Tea besteht aus drei Gaengen, wobei die Gaenge eher fliessend ineinander uebergehen. Sandwiches zuerst, kleine koestliche Angelegenheiten, mature cheddar cheese, chicken, smoked salmon, cucumber und egg mayonaise, klassisch. Die kleinen Happen richtet man auf einer Art kleinen Geschirrpyramide an, unten der erste eher herbe Sandwich-Gang, in der Mitte ein leerer Teller, der darauf wartete mit scones gefuellt zu werden, darueber die suessen Fabelhaftigkeiten fuer spaeter, "an assortment of pastries", magnifizientes Geschirr, Silberbesteck.
Die Tische fuellten sich schnell, Tea at the Ritz ist nur und ausschliesslich ausgebucht. Leises Stimmengewirr, aber hier wuerde niemand durch Lautstaerke oder Telefongebrauch auffallen wollen. Das Personal glaenzt durch gelassene Perfektion und durch stetige Anwesenheit, ohne aufdringlich zu wirken.
Ich entscheid mich fuer einen Darjeeling First Flush, the "champagne of teas", meine wundervolle Begleitung nahm den leichteren Ritz Royal English. And what a fine cup of tea that was.
Nach einer Weile kamen die scones. Raisin and apple scones. Ich bin keine Freund von suessen Dingen, aber diese scones, zusammen mit Cornish clotted cream und strawberry preserve, frisch gebacken, nicht zu heiss, damit die cream nicht zerfliesst, nicht kalt, perfekt, to die for.
Tea at the Ritz ist strenggenommen sogar eine all you can eat Angelegenheit, man wird freundlich gefragt, ob man noch mehr servieren duerfe, aber in diesen heiligen Hallen kaeme keiner auf die Idee, sich stillos vollessen zu wollen. Man laesst sich Zeit, im Hintergrund werden die Sinne von einer Harfe oder von einem Klavier beleitet, dazu Tee und noch mehr Tee, vielleicht zur den suessen schwereren Dingen etwas leichtes fruchtiges?
"Passion fruit and orange maybe? Certainly, Madam."

Und die Zeit bleibt stehen, fuer einen kleinen Moment, in diesem Teil des Gebaeudes, in dem seit Jahrzehnten Menschen nicht anderes taten, als sich dem Afternoon Tea hinzugeben, ihn zu zelebrieren, so wie es sich gehoert.
Ein wenig dekadent vielleicht, aber grand.
Bliebe mir noch zu erwaehnen, dass im Ritz die restrooms fuer die Ladies powder room heissen. Natuerlich, wie auch sonst.
Dress code: Jacket and Tie.
"Wouldn’t it be dreadful to live in a country where they didn’t drink tea?"
Noel Coward
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